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Stand: 22.04.2004
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bdCottonDAS BÖSE DING - UND KEIN BISSCHEN LEISE
»Jazz ist nicht tot, er stinkt nur ein bißchen«, hat einmal der Altmeister des AvantgardeRock Frank Zappa gesagt. »Er hatte unrecht«, befand schon der Jazz-Clown Helge Schneider lakonisch. Jetzt schicken sich vier junge Musiker an, ihre ganz persönliche Ode an die ungebrochen zeitlose Vitalität des Jazz zu formulieren. Und doch sind Jazz in Deutschland und deutscher Jazz ein eher lustfeindliches Metier - bleiern und eingefahren zugleich. Zwischen langweiligen, häufig humorlosen Plagiaten, peinlichen Fusion-Jazz-Projekten und zeitgeistigen Posern gibt es wenig Delikates in der heimischen Jazzkantine zu entdecken.

Die »Grandseigneurs« der Freien Improvisation Kowald und Brötzmann sind auch heute noch im Vergleich zum wenig inspirierten Nachwuchs kreative Rebellen und genreübergreifende Visionäre. Und genau hier setzt »Das Böse Ding« an mit »Clean Happy Dirty«, was so etwas wie ein programmatischer Titel sein dürfte, ganz im Stile von »Life - but how to live it«.

Was sich im letzten Jahr noch zaghaft und vermeintlich arriviert »Jan Klare - Tom Lorenz-Quartett« nannte, ist gereift an sich, der schon immer vorhandenen musikalischen Virtuosität und nicht zuletzt natürlich an einer immer komplexeren Welt. Zornige junge Männer sind sie indes nicht und wollen es auch gar nicht sein, es würde ihnen nicht stehen. Schon eher musikalische Weltenbummler und Grenzgänger im auch heute noch faszinierenden und verschlungenen Universum des nicht mehr nur afroamerikanisch geprägten Jazz.

Saxophon und Vibraphon, Kontrabaß und Schlagzeug, das sind allein instrumentale Vorgaben für Klare, Lorenz, Ekholt und Kracht. Was sie damit anstellen, ist eine aberwitzige Soundreise um die Welt des Klangs auf nur einer CD-Länge.

War das Debut »Das Böse Ding« noch übereifrig und damit streckenweise verkrampft und stark beboplastig, auf »Clean Happy Dirty« hat sich das Kollektiv endgültig freigespielt, als gäbe es weder Konventionen noch individuelle imaginäre Schranken. Beim ersten Hören hat mich das Werk mitgerissen und zum groovenden Hören und meditativen Swingen gleichermaßen verführt.

Ist das noch Jazz oder schon wieder Jazz, wie wir ihn gerade auch in heimischen Gefilden viel zu selten hören? - Es ist Jazz, wenn der Jazz auch heute noch die Vielfarbigkeit des Lebens atmet. Allesamt Eigenkompositionen, sind die Stücke die existentielle Essenz des nicht nur musikalischen Seins. Musik für »shiny happy people«. Große Gefühle, kleine Gesten, rotzig frech und weise wissend, nachdenklich zornig und im nächsten Augenblick wieder sich selbst karikierend, feinsinniger Humor und rhythmische Wut - das alles fügt sich zu einem großartigen, weil entspannten Konzeptalbum. »Clean Happy Dirty« wird zum Manifest, das sich selbst einholt in seiner unbändigen Spielfreude und deren Impetus eine unverfälschte, wenngleich widersprüchliche Lebensgier ist.

Kunst kommt von Müssen! - Das »Böse Ding« löst diesen hehren Anspruch ein. Jazzpuristen mögen nörgelnd die Nase rümpfen angesichts des respektlosen Umgangs mit der alten Tante Jazz - aber die haben natürlich wieder einmal nichts verstanden. Aufgeschlossene Kritiker werden jubeln und »Das Böse Ding« zu ihrem ganz persönlichen Geheimtip machen - unter kommerziellen Aspekten wird dies leider eher bedeutungslos sein. Die Hörer hingegen werden schlichtweg Spaß haben und allein das zählt, denn Klare, Lorenz, Ekholt und Kracht spielen genresprengenden und generationsübergreifenden Zukunfts-Jazz mit Modellcharakter und Easy Listening-Charme.

Mit der Begriftlichkeit »Future-Jazz« hat das Ganze erfreulicherweise nichts gemein, denn gerade eine gestrichene Saite und ein geblasener Ton lassen auf die Zukunft des Jazz hoffen. Für »Das Böse Ding« hat sie jetzt schon begonnen. // (Volker Skilandat (Journalist WDR und DLF)


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