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Stimmen
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Ballhaus nuevo |
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Göritz: Willkommen zu einer Stunde mit der Gruppe
BALLHAUS nuevo, die uns zunächst einen vielleicht etwas
gewöhnungsbedürftigen Vorschlag für das
nächste Frühstück macht.
Stefan
Göritz: Ein Liebeslied ganz nach dem Geschmack von
BALLHAUS nuevo. Die Gruppe kommt aus Köln und hat in
den letzten Jahren mit ihren eigenwilligen Liedern, die oft
poetisch und böse in einem sind, viele Freunde
gewonnen. Nicht nur in Deutschland, auch auf Festivals in
Frankreich, Polen und Belgien. Gleich ihre erste CD wurde
mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik
ausgezeichnet. Gerade erschien ihre 3. CD, von der viele
Lieder in dieser Stunde stammen. Das Herz von BALLHAUS nuevo
sind Adrian Ils und Verena Guido. Beide singen, texten,
komponieren und spielen Akkordeon, dazu noch eine Reihe
weiterer Instrumente. Die Musik von BALLHAUS nuevo
beschreiben sie als »vagabundierende Musik aus einer
imaginären Kaschemme«, und die stellen sie sich
wahrscheinlich verrufener vor, als das kleine, adrette Cafe
mit den quietschenden Straßenbahnen vor der Tür,
daß ich zum Interview-Treff vorgeschlagen hatte. Wie
sieht sie aus, die imaginäre Kaschemme von BALLHAUS
nuevo ? Verena Guido: Das Schöne an einer imaginären Kaschemme ist ja, daß jeder etwas anderes sieht in seinem Kopf, so das die Leute, die in unser Konzert kommen und die Lieder hören, hinterher höchst unterschiedliche Sachen darüber sagen wie sie etwas verstanden haben, woran sie sich erinnert fühlten, ob's für sie eher etwas Einsames, Verlorenes war -; eine Kaschemme mit zerbrochenen Fenstern wo das Gras jetzt auf dem Boden wächst, oder vielleicht ein ganz lebendiges südländisches Haus wo viel los ist
Verena Guido: Ich schon, also wir schreiben ja auch beide unterschiedliche Sachen. Der Adrian hat sicherlich auch andere Sachen im Kopf bei den Dingen, die er schreibt, als ich im Kopf hab, wenn ich sie dann singe. Ich hab bei den Sachen, die ich selber schreibe ganz konkrete Bilder im Kopf. Das sind aber weniger äußere Umgebungen als innere Zustände, eher Gefühlslagen: wie geht man mit Verzweiflung um, wie geht man mit Spannungen um, wie geht man mit Aggressionen um.
Verena Guido: Raussingen ist eine gute Methode. Ich erlebe es auch oft nach Konzerten, daß die Leute gerade über die bösen Lieder sagen: ach, das hat mich so richtig befreit, das hat gut getan mal das zu hören, mal selber mit Wut mitzugehen und zu sagen, ja, so soll's sein.
TITEL: PRAGER
BLUTWURST Stefan
Göritz: Böse Lieder gibt's ja etliche, Lieder
die auch schnell mißverstanden werden, wenn da
Köpfe über die Dächer rollen, die dann
vielleicht noch lachen, um einen Text herauszugreifen, der
auch in einigen Kritiken zuweilen angegriffen wird. Ist der
ganz unumstritten in BALLHAUS und wie ist der
entstanden? Adrian Ils: Also der Text ist in BALLHAUS nicht unumstritten, aber ich hab es noch nie erlebt, daß irgendjemand bei dem Lied gelacht hätte. Der ist für mein Gefühl absolut unmißverständlich, da ist nichts gebrochen, da ist kein versteckter brutaler Witz drin und es wird auch nicht als solcher wahrgenommen. Es passiert mir halt immer wieder, daß ich auf etwas stoße, was mich beschäftigt, was mich nicht losläßt und von mir in eigene Worte gebracht werden möchte. So ein Ereignis ist mir 1994 durch eine Zeitungsnotiz ins Haus gekommen. Da ging es um ein Selbstmordattentat in Colombo auf Sri Lanka und die Art dieses Attentats und die Begleitumstände waren so absurd, wie ich mir das selber nie hätte ausdenken können. Das ist vielleicht das einzige Mißverständnis, das auftauchen könnte bei dem Lied, daß ich das mit meinem kranken Hirn mir ausgedacht hätte, so eine blutrünstige Geschichte, aber jedes Detail in diesem Text ist einfach genau so passiert und hinterläßt bei mir selbst eine ziemliche Ratlosigkeit darüber Stefan
Göritz: Wenn ich die Lieder von BALLHAUS nuevo
höre, fallen mir immer zwei mögliche Bezugsebenen
ein - ich will das Wort Vorbilder vermeiden: einmal fallen
mir die Expressionisten um Jakob von Hoddis ein, zum anderen
die Sentenzen bhuddistischer Weisheit. Sind das zwei Pole,
die dir fremd sind oder fühlst du dich zwischen denen
wohl? Adrian Ils: Ich schreibe meine Texte nicht vor dem Hintergrund einer profunden Auseinandersetzung mit der Literatur des 20.Jahrhunderts und allen spirituellen Strömungen alter und moderner Art, sondern ich merke eigentlich immer erst hinterher, daß es Bezüge zu bestimmten Strömungen gibt wenn ich meine Texte in Beziehung setze beispielsweise zum Bhuddismus oder zur expressionistischen Lyrik. Es ist nicht so, daß ich sage: ich komme von da her, deswegen schreib ich so.
TITEL: COLOMBO
- ATTENTAT, 24.Okt. 1994 Verena Guido: Wenn du es so siehst z.B. wenn du in unsere Konzerte gehst, will ich da nichts gegen sagen. Es ist für mich auch, um nochmal auf diesen Begriff der imaginären Kaschemme zurückzukommen, beim interpretieren immer der Abend und genau der Ort, an dem ich jetzt da stehe und die Leute, denen ich das dann auch erzählen will. Das hat für mich was von dieser ganz aktuellen Kaschemme, in der wir da stehen und unsere Geschichten erzählen. Dieses Janus-köpfige steckt für mich schon in vielen Liedern drin, weil die ja oft ein Spannungsverhältnis bezeichnen, ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was man gerne möchte und dem, was wirklich ist, zwischen den eigenen schlechten Trieben und den positiven. Z.B. passt das zu einem Liedertext, den ich gerade für die neue CD gemacht habe und der als Vorbilder vielleicht eher surrealistische Gemälde hat als wirklich literarische Vorgaben. Da geht's um eine Selbstrekonstruktion, also um die Vorstellung des sich selbst nachbauens weil man irgendetwas hinter sich lässt
Stefan
Göritz: Hat dieses Spiel auch so eine Art
Schutzfunktion, um sich auch hinter so einer Rolle zu
verstecken gegebenenfalls? Verena Guido: So fühlt sich das für mich nicht an. Die Identifikation mit einer Rolle und die Ehrlichkeit, daß die Gefühle, die man dann in so einer Rolle äußert, ja trotzdem die eigenen sein müssen, ist für mich eine große Herausforderung. Ich denke immer: je ehrlicher desto besser. Ich habe schon öfter erlebt, daß sogar so ein ironisches Lied wie dieses Georg Kreisler Lied darüber, daß man Träume hat von Menschen, die dann anschließend sterben, also die eigenen Rachegedanken wirklich funktionieren und die Angst, die das macht, Leute wirklich im Innersten getroffen hat, die sich dachten: so `n Erlebnis hatte ich auch, ich träume auch solche Träume, die sich also nicht nur davon unterhalten fühlen sondern wirklich emotional betroffen. Stefan
Göritz: Ich nehme die Texte gern immer mal
wörtlich, und sei es in einem Fragespiel: von dem Tod
welches Menschen würdest du denn gerne
träumen? Verena Guido: (lacht) Das würde natürlich jetzt zu weit gehen aus der künstlerischen Rolle hinauszutreten, wenn ich das sagen würde, aber ich nehme diesen Text auch sehr wörtlich und um den zu singen, muß ich solche Gedanken auch schon gehabt haben, damit ich weiß wovon ich rede.
Stefan
Göritz: Die Gruppe BALLHAUS nuevo aus Köln
stelle ich Ihnen heute in den
»Liedersprüchen« vor in einem Gespräch,
daß ich mit Verena Guido und Adrian Ils geführt
habe und da kamen wir noch einmal zu dem schon
erwähnten CD-Cover mit dem Janus-Kopf zurück: Adrian Ils: Für mich spielt natürlich auch eine große Rolle dabei, daß ich finde, daß das Bild sehr gut paßt insofern, als ich Eindeutigkeiten hasse und auch Ehrlichkeit oft mißverstanden wird als Eindimensionalität. Auch Ehrlichkeit ist eine sehr komplexe Angelegenheit so wie die gesamte Wirklichkeit sehr komplex ist und für mein Gefühl gar nicht eindeutig beschrieben werden kann ohne falsch zu werden. Deshalb liegt mir sehr daran diese Klippe zu umschiffen, gerade in Deutschland. Und wenn man sich die Liedermacherbewegung der 70-er Jahr anschaut, die ja mit eindeutigen Botschaften hausieren gegangen ist, so fand ich das eigentlich immer ziemlich peinlich und trauere dem überhaupt nicht nach. Den Fehler will ich um Gottes Willen nicht wiederholen. Stefan
Göritz: Was ist so schlimm an einer eindeutigen
Botschaft? Adrian Ils: Das sie meistens falsch ist (lacht).
Adrian Ils: Ja.
Adrian Ils: Also, wenn es eine eindeutige Botschaft ist, hab ich immer den großen und meistens berechtigten Verdacht, daß Entscheidendes nicht mit einbezogen ist.
Adrian Ils: Ach, ich mag es eigentlich nicht mehr so. Das ist ein inflationär gebrauchtes Wort, das sich abgenutzt hat, das vielleicht auch eine etwas hilflose Bezeichnung ist für etwas, was man eben nicht so eindeutig (da haben wir's wieder) einordnen kann. Es gibt dieses Bedürfnis einzuordnen - das ist bei uns schwierig. Es gibt da keine Schublade. Man wird immer mehrere Sätze finden müssen um zu versuchen zu beschreiben, was BALLHAUS macht.
Verena Guido: Das ist jetzt zuviel der Ehre. Ich sing das Lied zwar, aber die Vertonung ist vom Adrian.
Verena Guido: Ich hab sehr viel Literatur gelesen in meiner Jugend und auch Rilke gehörte dazu. Ich hab mich immer schon sehr für Lyrik interessiert, fand aber in einer späteren Phase Rilke immer so'n bißchen fein zartbesaitet und spitzfingrig. Diese ganze Malte Lauritz Briggel-Geschichte wär glaub ich ein Buch, das mir heute ziemlich auf die Nerven gehen würde weil es einfach nicht meine Welt ist und was nicht die Reibungen hat zwischen Realität und poetischer Sichtweise, die ich heute an Literatur interessant finde. Aber mit diesem Panther-Text geht es mir immer noch - wenn ich ihn singe - so, daß ich dieses Gefühl, daß da drin steckt, sehr gut nachvollziehen kann, dieses Gefühl von Routine-Eingesperrtsein, träge werden dadurch, unkonzentriert, schläfrig sein, leiden, ohne das richtig ausdrücken zu können. Wie viele Kreaturen, also auch Menschen, die das nicht richtig formulieren können, leiden, ohne das wirklich zu merken, ohne es loswerden zu können, ohne sich darüber äußern zu können. Sich da zum Sprachrohr zu machen, etwas überspitzt formuliert, find ich emotional immer noch hat mit mir zu tun.
Adrian Ils: Jetzt hast du geradezu eine Ansage wiederholt, die ich in dem Zusammenhang manchmal auf der Bühne mache. Im Gegensatz zu Verena hab ich mich sehr wenig mit Literatur beschäftigt. Rilke ist auch in der Schule an mir vorbeigegangen. Ich hab ihn sehr spät - fast hätte ich gesagt: für mich entdeckt -, ich habe ihn eigentlich gar nicht für mich entdeckt, sondern ich habe vor einigen Jahren einen Rilke-Band in die Hände bekommen, fand ihn überwiegend furchtbar, bis ich über den »Panther« stolperte und den fand ich nun überhaupt nicht furchtbar. Der hat mich wirklich angesprungen, weil das Klaustrophobische, das in diesem Text steckt, die Verzweiflung der eingesperrten Kreatur, die ja auch ein Synonym ist - es geht ja nicht einfach nur um einen Panther - das find ich unübertroffen, das mußte ich vertonen.
Adrian Ils: Ich bin sehr spät dazu gekommen, regelmäßig auf der Bühne zu stehen. Ich hab als Kind eine klassische Musikausbildung bekommen, hab sogar mal ein Semester auf der Musikhochschule studiert, fand das grauenhaft und bin dann Gott sei Dank zum Zivildienst einberufen worden, bin danach nicht mehr zurück an die Musikhochschule gegangen, sondern wollte die Welt erklären. Dafür studierte man damals Geschichte und Sozialwissenschaften, also hab ich das studiert. Ich hab für mich nebenbei weiter Musik gemacht, aber nicht wirklich ernsthaft. Ich habe ein Lehrerstudium gemacht inklusive Referendardienst. Zwischen dem ersten und dem zweiten Staatsexamen hab ich mir drei Jahre Zeit gelassen und habe u.a. eine Straßenmusiktour durch Griechenland und Italien gemacht, mit 4 weiteren Musikern und einem ital./griech. Programmm. Später bin ich dann als Musiker in eine freie Theatergruppe eingestiegen, parallel zu meinem Referendardienst, und das war im Grunde schon die Urzelle von dem, was später BALLHAUS geworden ist.
Adrian Ils: Um morden ging's ja sowieso nie. Wir hatten immerhin 7 Jahre zusammengearbeitet, eigentlich noch länger, wenn man das Theater mit einbezieht. Die drei Protagonisten damals waren sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorlieben. Es ist uns immerhin jahrelang gelungen aus der Konfrontation zueinander kreative Funken schlagen zu lassen, das ist aber auch wahnsinnig anstrengend und nach 7 Jahren war's einfach genug, wir konnten nicht mehr, hatten keine Lust mehr. Wobei man anerkennend sagen muß: 7 Jahre sind `ne ziemlich lange Zeit.
Verena Guido: Das stimmt. Ich bin damals mit einer Chansonformation aufgetreten, die hieß PUZZLE VIVANT, eine deutsch-französische Vokalgruppe. Wir haben in Köln gespielt in einem kleinen Cafe und da war der Adrian, weil er eine neue Sängerin suchte und kam hinterher auf mich zu und meinte: den Stil, den ich vertrete und die Lieder, die ich singe würden in das neue BALLHAUS-Konzept passen. Ihm gefiel das gut und so haben wir uns kennengelernt.
Verena Guido: Ich habe ganz normal klassische Musik studiert - Querflöte - und bin immer wieder auch mal als Orchestermusikerin tätig. Nebenher habe ich immer schon Lieder gesungen und bin z.B. jahrelang mit jiddischen Liedern auf politischen Veranstaltungen und Gedenkfeiern aufgetreten. So bin ich überhaupt zum Singen gekommen und habe das immer als ein Hobby betrachtet und nie ernsthaft gedacht: da könnte man beruflich was draus machen. Das hab ich eher aus Überzeugung gemacht. Auf einem Workshop des deutsch-französischen Jugendwerkes lernte ich dann französische Sänger kennen und daraus entstand wiederum PUZZLE VIVANT mit denen ich auch immerhin 4 Jahre unterwegs war. Da hab ich eigentlich das Singen gelernt und das Auftreten – von meinen französischen Kollegen, die alle sehr viel weniger musikalisches Hintergrundwissen hatten, dafür aber richtig trainiert waren in Bühnenpräsenz, im Nachvornegehen und Emotionen äußern, ohne diese typisch deutsche Angst vor Kitsch, vor zu viel Gefühl.
Verena Guido: Man weiß nie. Wenn wir irgendwann an dem Punkt angekommen sind wo wir denken: wir sind jetzt doch künstlerisch so unterschiedlich orientiert oder jeder will seine solistischen Sachen weiter verfolgen, so daß eine Trennung ansteht, dann wird die sicher nicht im Unfrieden passieren.
Adrian Ils: Das hab ich gewußt, daß du das ansprichtst
Adrian Ils: Revolution ist ein Begriff, den man nicht unbedingt mit Deutschland in Verbindung bringt oder entweder nur als etwas sehr tragisches oder etwas sehr lächerliches. Es steckt beides darin: es gibt die gescheiterten Revolutionen in Deutschland mit all ihrer Tragik, es gibt aber auch die Lächerlichkeiten. Der Deutsche ist - glaube ich, das zeigt die Geschichte - nicht unbedingt der geborene Revolutionär, sondern taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auch als lächerliche Figur auf. Dieses Spannungsverhältnis von Tragik und Lächerlichkeit im Zusammenhang von Revolution und Deutschland hab ich auf dieser satirischen Ebene mal thematisieren wollen. Dabei spielte dann auch ein polemisches Zitat von Lenin eine Rolle der sinngemäß mal gesagt hat: bevor Deutsche eine Revolution machen, lösen sie vorher noch eine Bahnsteigkarte. Oder auch Marx, der - nicht nur auf Deutschland bezogen - gesagt hat: die Geschichte wiederholt sich immer zweimal: einmal als Tragödie und dann als blutige Farce.
Adrian Ils: Wahrscheinlich, ja. Aber eben nur ein Teil.
Adrian Ils: Ja, aber ich bin sicherlich auch vieles, was man in meinen Texten nicht findet (lacht).
Adrian Ils: Aha. Das mußt du mir aber jetzt erklären (lacht).
Adrian Ils: Na gut. Ich werde mal drüber nachdenken. Vielleicht kommt ja was Gutes dabei heraus.
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