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Faltsch
Wagoni
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Die
Internet-Seiten von Faltsch Wagoni unbedingt anschauen:- ein
virtueller Genuss
www.faltsch-wagoni.de
Auszüge
aus einer musikwissenschaftlichen
Magisterarbeit
über Georg Kreisler
Kapitel:
Kreislers Erben
»...Es
lohnt sich daher, auf der Suche nach Kreislers potentiellen
Nachfolgern einen Blick auf das Programm zu werfen, das
nicht nur eine Jazzreihe umfaßt, sondern auch
deutschsprachige Gruppen, von denen sich zumindest zwei
(mit der zweiten sind BALLHAUS
nuevo
gemeint. Der Sätzer) unter die Bezeichnung
»musikalisches Kabarett« rubrizieren lassen.
...
... Das Bindeglied zwischen RAK und KIP stellt Thomas
Busse dar, ein RAK-Mitglied der ersten Stunde, dessen
teils politisch-revolutionäre, teils satirische Lieder
aus den siebziger Jahren heute noch von vielen RAK-Bands
nachgesungen und weitergeschrieben werden.
Mittlerweile hat sich Busse aus dem RAK-Umfeld
zurückgezogen, seinen damaligen Künstlernamen
»Tommi« aufgegeben und konzentriert sich
auf den Bereich Musiktheater.
Der Ausdruck Kabarett wird von ihm selbst nicht
verwendet, jedoch kann man die wichtigsten Merkmale, die das
Kabarett vom Theater, die "kleine" von der "großen"
Kunst unterscheiden, auf das Duo »Faltsch
Wagoni« anwenden, das er zusammen mit der
Sängerin und Schauspielerin Silvana Prosperi
gründete.
Das beginnt beim Gruppennamen. Wortspiele haben
spätestens seit der Nachkriegszeit, seit
»Kom(m)ödchen« und »Münchner Lach-
und Schießgesellschaft« Tradition bei der
Namensgebung neuer Kabarett-Ensembles. In diesem Fall ist
die Namensgebung darauf zurückzuführen, daß
Busse - noch zu RAK-Zeiten - in einem Zirkuswagen wohnte, in
der alternativen Szene sowohl ein durchaus üblicher
Ausweg aus der Wohnungsnot als auch eine Demonstration der
eigenen politischen Ansichten. »Und die Bewohner der
Wohnwagen«, erläutert KIP-Sprecher Jürgen
Keiser, »heißen im Baierischen "Wagonis", und
weil sie keine richtigen Wagonis waren, haben sie sich dann
"Faltsch" genannt. Um die Sache auf die Spitze zu treiben,
haben sie dann "Faltsch" auch noch falsch - mit t -
geschrieben.«
In der Beschränkung auf die Besetzung als Duo - ohne
zusätzliche Musiker, die vielfältigen Instrumente
werden von Busse und Prosperi selbst gespielt - und der
karikaturhaften Darstellung ihrer Rollen sind weitere
kabarettistische Stilmittel zu erkennen. Zwar handelt es
sich bei ihren Produktionen nicht um Nummernprogramme,
sondern um durchgehende Theaterstücke, jedoch werden
innerhalb derselben sehr heterogene Lieder
aneinandergereiht. Insgesamt entsteht der Eindruck,
daß - wie bei Kreislers »Heute abend: Lola
Blau« oder auch bei Hubert Wolf - die Lieder zuerst
vorhanden waren.
Der Inhalt der Stücke setzt sich satirisch mit den
Verrücktheiten moderner Lebensführung auseinander,
ist also zeitgebunden und damit auch in dieser Hinsicht
kabarettistisch. Auch Georg Kreislers Lieder müssen, um
ihre Wirkung zu verstehen, im Kontext der Zeit betrachtet
werden, andernfalls »fragt man sich ratlos: Was soll
daran zersetzend gewesen sein?« Das trifft in
besonderem Maße auf Lieder zu, die sich auf bestimmte
Ereignisse beziehen - wie den Bau der Opernpassage in Wien
und die zugehörige Kreisler-Satire »Die
Rolltreppe in der Opernpassage«.
Um die besondere Beziehung zwischen den Autoren Busse und
Kreisler zu verstehen - immerhin kam über das Duo
Kreislers Kontakt zu Jürgen Keiser zustande -
betrachtet man am besten einige formale Kriterien.
Wie
Kreislers Lieder heben sich auch die von Thomas Busse in
mehrfacher Hinsicht vom Durchschnitt
ab.
Das wird am deutlichsten in dem Stück
»Betrachte die Welt«, einer Reflexion
über Fernsehgewohnheiten. Als erstes Merkmal fällt
ins Auge, daß es sich bei den Strophen um Terzinen
handelt, während Chanson und Couplet sowohl
traditionell als auch bei heutigen Künstlern
üblicherweise Paar- oder Kreuzreim bevorzugen - anstatt
des Terzinen-Reimschemas aba bcb cdc et cetera.
Gesungen wird »Betrachte die Welt«
wechselweise nach Art eines Zwiegesprächs:
Betrachte
die Welt - und fühle dich selber betrachtet
auf Platte gebannt - sowie Zelluloid als auch
Bänder
doch achte mal drauf - ob man dich auch wirklich
beachtet
Das
hoffe ich doch - wenn nicht, nun dann liegt es am
Sender
bestimmt nicht an mir - wer sollte mich wohl
übergehen?
ich strahle was aus - das strahlt in die hintersten
Länder
Die
Wahl der Danteschen Strophenform für ein
Musiktheaterstück des 20. Jahrhunderts ist nicht nur
als formalistische Spielerei zu werten. Gero von Wilpert
weist darauf hin, daß die »ununterbrochene und
bis ins Unendliche fortsetzbare Reimverkettung (
)
inhaltlich eine durchgängige Verknüpfung
weltweiter Ideen« begünstigt. Normalerweise
kulminiert dieses potentiell Unendliche aber eben doch nach
endlich vielen Strophen in einer Schlußzeile, die den
Mittelreim der letzten Strophe aufgreift, der ansonsten frei
bliebe.
Busse wählt gleichwohl einen anderen Weg. Die
letzte Doppelstrophe lautet:
Mach
halblang, gemach - halt haus mit der
Kräfteverschleißung
was zählt bist nicht du - was zählt ist die
Wirkung da draußen
und diese entsteht - in den Köpfen durch stetige
Speisung
In
den Köpfen? du Narr! - in den Herzen, wo Herzen
noch hausen
und süchtig vor Not - nach echter
Persönlichkeit schmachten
es gibt dieses Loch - sogar bei den schlimmsten
Banausen
Das
wirkt wie der energische und optimistische Schlußpunkt
dieser Diskussion zwischen einem unbestimmten Teilnehmer
(Busse) und einem Fernseh-Starlet (Prosperi).
Auf den zweiten Blick jedoch wird klar, daß der
scheinbar freie letzte Mittelreim seine - wenn
auch unreine - Entsprechung in den äußeren Reimen
der ersten Strophe hat, deren Inhalt denn auch als Replik
auf diesen letzten Beitrag verstanden werden kann - und so
weiter ad infinitum. Daß diese Beziehung wie
erwähnt einen unreinen Reim darstellt, macht sie nicht
weniger plausibel, denn jener hat im Kabarett, das
spätestens seit der Weimarer Zeit als "Kleinkunst"
nicht zuletzt die "kleinen Leute" ansprechen und sich daher
eines allzu strengen Formalismus' enthalten wollte, seine
eigene Tradition.
Atypisch erscheint an »Betrachte die Welt«
nicht zuletzt die Musik. Es werden fast ausschließlich
perkussive Instrumente verwendet, der Text dazu in einer Art
Sprechgesang vorgetragen, jedoch nicht nach Art eines Rap,
eher wie die rhythmische Intonierung einer antiken
Zauberformel, als würde der Rhythmus den Argumenten der
streitenden Parteien auf magische Weise Wahrheit verleihen.
Ein asymmetrisches System aus Dreiviertel- und
Viervierteltakten, das sich aus dem Sprachrhythmus heraus
ableitet, komplettiert den außergewöhnlichen
Höreindruck.
Was
haben nun die vorangegangenen, zweifellos interessanten
Betrachtungen mit Georg Kreisler zu
tun?
Wenn ich versuche, in der heutigen Kabarett- und
Musikszene Kreislers eventuelle
»Nachfolger« zu entdecken und diese
Entdeckungen zu belegen, dann darf man darunter
nicht
platte Stilkopien und Imitationen
verstehen.
Ebenso wie Kreisler die Arbeit seiner Vorläufer
weiterentwickelt, perfektioniert und auf seine Zeit
übertragen hat, sind es die Kabarettisten von heute,
die unter anderem auf Georg Kreisler aufbauen, auf der
Grundlage seiner Werke neue Formen musikalischen Kabaretts
suchen, um dadurch, mit Hubert Wolf gesprochen, einen
»Anlauf in eine neue Phase des
Musikkabaretts« zu unternehmen.
Auf der Suche nach Parallelen darf man also nicht
oberflächlich fragen, wo es denn nun bei Kreisler
Terzinen gebe oder Lieder mit perkussiver Begleitung.
Stattdessen gilt es, die Traditionslinien innerhalb der
Weiterentwicklung aufzudecken, das Alte im Neuen.
Die Art, wie Thomas Busse mit Sprache umgeht, wie er sein
Talent und seine offenkundige literarische Bildung nutzt, um
Texte zu schaffen, die - ähnlich dem
»Musikkritiker«, siehe Kapitel 2.2.2 - mit den
unterschiedlichen erworbenen Wissenszusammenhängen
eines heterogenes Publikums spielen; ferner die Art, wie
»Faltsch Wagoni« immer wieder
selbstverständlich Hingenommenes (etwa das
Fernsehen) in Zweifel ziehen, hinterfragen; und
schließlich die Verknüpfung eines solchen Textes
mit einer Musik, die neue Wege beschreitet, ohne dabei dem
Publikum allzu hermetisch zu erscheinen, sondern sich ihre -
im besten Sinne kabarettistische - Verständlichkeit
bewahrt; all
das läßt Thomas Busse als einen legitimen
geistigen Erben Georg Kreislers
erscheinen.
Aus: Stefan Balzter, Die
Chansons Georg Kreislers und ihre Stellung in der
Entwicklung des deutschsprachigen musikalischen Kabaretts
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