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bh_02 Die CD »Schade, schade«: Ballhaus nuevo
Interview mit Stefan Göritz in der Sendung »Liedersprüche« von Radio Kultur Berlin

Stefan Göritz: Willkommen zu einer Stunde mit der Gruppe BALLHAUS nuevo, die uns zunächst einen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Vorschlag für das nächste Frühstück macht.

TITEL: LIEBE TUT WEH
Stell mich auf die nen Frühstückstisch
Und köpf mich mit einem Schlag
Streu noch ein bißchen Salz in die Wunde
Du weißt wie sehr ich das mag
Dann löffel mich aus und laß mich genüsslich
Auf deiner Zunge zergeh'n
Die Liebe ist groß, doch sie ist vergänglich
Aber selbst wenn sie geht bleibt sie schön.

Text und Musik: Adrian Ils

Stefan Göritz: Ein Liebeslied ganz nach dem Geschmack von BALLHAUS nuevo. Die Gruppe kommt aus Köln und hat in den letzten Jahren mit ihren eigenwilligen Liedern, die oft poetisch und böse in einem sind, viele Freunde gewonnen. Nicht nur in Deutschland, auch auf Festivals in Frankreich, Polen und Belgien.
Gleich ihre erste CD wurde mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Gerade erschien ihre 3. CD, von der viele Lieder in dieser Stunde stammen. Das Herz von BALLHAUS nuevo sind Adrian Ils und Verena Guido. Beide singen, texten, komponieren und spielen Akkordeon, dazu noch eine Reihe weiterer Instrumente.
Die Musik von BALLHAUS nuevo beschreiben sie als »vagabundierende Musik aus einer imaginären Kaschemme«, und die stellen sie sich wahrscheinlich verrufener vor, als das kleine, adrette Cafe mit den quietschenden Straßenbahnen vor der Tür, daß ich zum Interview-Treff vorgeschlagen hatte. Wie sieht sie aus, die imaginäre Kaschemme von BALLHAUS nuevo ?

Verena Guido: Das Schöne an einer imaginären Kaschemme ist ja, daß jeder etwas anderes sieht in seinem Kopf, so das die Leute, die in unser Konzert kommen und die Lieder hören, hinterher höchst unterschiedliche Sachen darüber sagen wie sie etwas verstanden haben, woran sie sich erinnert fühlten, ob's für sie eher etwas Einsames, Verlorenes war -; eine Kaschemme mit zerbrochenen Fenstern wo das Gras jetzt auf dem Boden wächst, oder vielleicht ein ganz lebendiges südländisches Haus wo viel los ist

Stefan Göritz: also gar keine so konkreten Vorstellungen wenn ihr selbst die Lieder entwerft, auf die Bühne geht, ins Studio geht?

Verena Guido: Ich schon, also wir schreiben ja auch beide unterschiedliche Sachen. Der Adrian hat sicherlich auch andere Sachen im Kopf bei den Dingen, die er schreibt, als ich im Kopf hab, wenn ich sie dann singe. Ich hab bei den Sachen, die ich selber schreibe ganz konkrete Bilder im Kopf. Das sind aber weniger äußere Umgebungen als innere Zustände, eher Gefühlslagen: wie geht man mit Verzweiflung um, wie geht man mit Spannungen um, wie geht man mit Aggressionen um.

Stefan Göritz: und wie macht man das? Raussingen oder gibt's noch einen anderen Trick?

Verena Guido: Raussingen ist eine gute Methode. Ich erlebe es auch oft nach Konzerten, daß die Leute gerade über die bösen Lieder sagen: ach, das hat mich so richtig befreit, das hat gut getan mal das zu hören, mal selber mit Wut mitzugehen und zu sagen, ja, so soll's sein.

TITEL: PRAGER BLUTWURST
Ich tanzte mit dir einen Walzer - In einem Ballhaus in Prag
Als unsere Lippen sich fanden - Dämmerte draußen der Tag
Unter der Moldaubrücke - Stand unser Bett aus Stein
Ich opferte dir meine Unschuld - Und du warst für immer mein.
Wir schworen uns ewige Liebe - Und als ich unter die lag
Mischten wir Blut zu Blute - Besiegelten unsern Vertrag
Das war im letzten September - Ein Jahr ging seither ins Land
Und ich musste schmerzlich erfahren - Du warst nur ein Kommödiant.

Blut in die Schüssel gerührt
Zwiebel und Knoblauch dazu
Pfeffer und Salz und Majoran
Geben dem Ganzen Pfiff.

Stefan Göritz: Böse Lieder gibt's ja etliche, Lieder die auch schnell mißverstanden werden, wenn da Köpfe über die Dächer rollen, die dann vielleicht noch lachen, um einen Text herauszugreifen, der auch in einigen Kritiken zuweilen angegriffen wird. Ist der ganz unumstritten in BALLHAUS und wie ist der entstanden?

Adrian Ils: Also der Text ist in BALLHAUS nicht unumstritten, aber ich hab es noch nie erlebt, daß irgendjemand bei dem Lied gelacht hätte. Der ist für mein Gefühl absolut unmißverständlich, da ist nichts gebrochen, da ist kein versteckter brutaler Witz drin und es wird auch nicht als solcher wahrgenommen. Es passiert mir halt immer wieder, daß ich auf etwas stoße, was mich beschäftigt, was mich nicht losläßt und von mir in eigene Worte gebracht werden möchte. So ein Ereignis ist mir 1994 durch eine Zeitungsnotiz ins Haus gekommen. Da ging es um ein Selbstmordattentat in Colombo auf Sri Lanka und die Art dieses Attentats und die Begleitumstände waren so absurd, wie ich mir das selber nie hätte ausdenken können. Das ist vielleicht das einzige Mißverständnis, das auftauchen könnte bei dem Lied, daß ich das mit meinem kranken Hirn mir ausgedacht hätte, so eine blutrünstige Geschichte, aber jedes Detail in diesem Text ist einfach genau so passiert und hinterläßt bei mir selbst eine ziemliche Ratlosigkeit darüber

Stefan Göritz: Wenn ich die Lieder von BALLHAUS nuevo höre, fallen mir immer zwei mögliche Bezugsebenen ein - ich will das Wort Vorbilder vermeiden: einmal fallen mir die Expressionisten um Jakob von Hoddis ein, zum anderen die Sentenzen bhuddistischer Weisheit. Sind das zwei Pole, die dir fremd sind oder fühlst du dich zwischen denen wohl?

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bh_601602 Adrian Ils: Ich schreibe meine Texte nicht vor dem Hintergrund einer profunden Auseinandersetzung mit der Literatur des 20.Jahrhunderts und allen spirituellen Strömungen alter und moderner Art, sondern ich merke eigentlich immer erst hinterher, daß es Bezüge zu bestimmten Strömungen gibt wenn ich meine Texte in Beziehung setze beispielsweise zum Bhuddismus oder zur expressionistischen Lyrik. Es ist nicht so, daß ich sage: ich komme von da her, deswegen schreib ich so.

TITEL: COLOMBO - ATTENTAT, 24.Okt. 1994
Es fliegt ein Kopf auf's Nachbardach - Der lacht und lacht und lacht
Der hat mit einem Donnerschlag - Sich aus dem Staub gemacht
Zerborsten liegt der Körper unten - Wie `ne Abschußrampe
Rings umher ist alles hin - Blut und Knochenpampe.
Letzte Worte vor dem Blitz: Macht euch keine Sorgen
Ich wünsch' euch keine gute Nacht
Ich wünsch' euch einen guten Morgen.
Der Kopf den man am Morgen fand - Gehörte einer Frau
Er lachte immer noch, warum - Weiß keiner so genau
Weiß keiner so genau.

Stefan Göritz: Auf der ersten CD von BALLHAUS nuevo schaut uns eine Frau mit zwei Gesichtern an auf dem Cover. Die einzige Frau von BALLHAUS nuevo sitzt neben mir. Verena, guckst du uns aus diesen zwei Gesichtern an?

Verena Guido: Wenn du es so siehst z.B. wenn du in unsere Konzerte gehst, will ich da nichts gegen sagen. Es ist für mich auch, um nochmal auf diesen Begriff der imaginären Kaschemme zurückzukommen, beim interpretieren immer der Abend und genau der Ort, an dem ich jetzt da stehe und die Leute, denen ich das dann auch erzählen will. Das hat für mich was von dieser ganz aktuellen Kaschemme, in der wir da stehen und unsere Geschichten erzählen. Dieses Janus-köpfige steckt für mich schon in vielen Liedern drin, weil die ja oft ein Spannungsverhältnis bezeichnen, ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was man gerne möchte und dem, was wirklich ist, zwischen den eigenen schlechten Trieben und den positiven. Z.B. passt das zu einem Liedertext, den ich gerade für die neue CD gemacht habe und der als Vorbilder vielleicht eher surrealistische Gemälde hat als wirklich literarische Vorgaben. Da geht's um eine Selbstrekonstruktion, also um die Vorstellung des sich selbst nachbauens weil man irgendetwas hinter sich lässt

TITEL: ALLES NEU
Ich habe mich genau rekonstruiert
Die Ähnlichkeit ist doch verblüffend groß
Ich habe alles vorher gur studiert
Dann kauft' ich billig ein und legte los
Muskeln, Knochen, Nerven - gute Qualität
Ich habe auf den Stammbaum geschaut
Ich setzte alles so zusammen, wie's im Buche steht
Dann webte ich mir eine neue Haut
Ganz ohne Nähte, seht, mein Meisterstück
Und noch viel weißer als die alte war
Der Stoff war imprägniert, zu meinem Glück

Stefan Göritz: Hat dieses Spiel auch so eine Art Schutzfunktion, um sich auch hinter so einer Rolle zu verstecken gegebenenfalls?

Verena Guido: So fühlt sich das für mich nicht an. Die Identifikation mit einer Rolle und die Ehrlichkeit, daß die Gefühle, die man dann in so einer Rolle äußert, ja trotzdem die eigenen sein müssen, ist für mich eine große Herausforderung. Ich denke immer: je ehrlicher desto besser. Ich habe schon öfter erlebt, daß sogar so ein ironisches Lied wie dieses Georg Kreisler Lied darüber, daß man Träume hat von Menschen, die dann anschließend sterben, also die eigenen Rachegedanken wirklich funktionieren und die Angst, die das macht, Leute wirklich im Innersten getroffen hat, die sich dachten: so `n Erlebnis hatte ich auch, ich träume auch solche Träume, die sich also nicht nur davon unterhalten fühlen sondern wirklich emotional betroffen.

Stefan Göritz: Ich nehme die Texte gern immer mal wörtlich, und sei es in einem Fragespiel: von dem Tod welches Menschen würdest du denn gerne träumen?

Verena Guido: (lacht) Das würde natürlich jetzt zu weit gehen aus der künstlerischen Rolle hinauszutreten, wenn ich das sagen würde, aber ich nehme diesen Text auch sehr wörtlich und um den zu singen, muß ich solche Gedanken auch schon gehabt haben, damit ich weiß wovon ich rede.

TITEL: GEBEN SIE ACHT
Mein Chef hat mich mal ausgezankt aus irgendeinem Grund
Er war immer so ein schlecht gelaunter Besen
Da wünschte ich, er wäre tot - und nachts hab ich's geträumt
Und am nächsten Tage ist er tot gewesenMein Mann, der war ein Schlappschwanz - Sie wissen, was das heißt!
Wer was ähnliches zu Haus hat, ist im klaren
Da träumte ich von seinem Tod - und eine Woche drauf
Hat ein Riesen-LKW ihn überfahren

Also geben Sie acht (3x) und bringen Sie mich nicht zum schäumen
Sie sind bis jetzt ein feiner Mann - aber wenn ich Sie nicht leiden kann
Dann brauch ich bloß von Ihrem Tod zu träumen
Also geben Sie acht (3x) - Sie rennen sonst in Ihr Verderben
Und sein Sie mal ein bißchen nett sonst geh' ich gleich nachhaus zu Bett
Und sprech' das nächste Mal mit Ihren Erben!

Text und Musik: Georg Kreisler

Stefan Göritz: Die Gruppe BALLHAUS nuevo aus Köln stelle ich Ihnen heute in den »Liedersprüchen« vor in einem Gespräch, daß ich mit Verena Guido und Adrian Ils geführt habe und da kamen wir noch einmal zu dem schon erwähnten CD-Cover mit dem Janus-Kopf zurück:

Adrian Ils: Für mich spielt natürlich auch eine große Rolle dabei, daß ich finde, daß das Bild sehr gut paßt insofern, als ich Eindeutigkeiten hasse und auch Ehrlichkeit oft mißverstanden wird als Eindimensionalität. Auch Ehrlichkeit ist eine sehr komplexe Angelegenheit so wie die gesamte Wirklichkeit sehr komplex ist und für mein Gefühl gar nicht eindeutig beschrieben werden kann ohne falsch zu werden. Deshalb liegt mir sehr daran diese Klippe zu umschiffen, gerade in Deutschland. Und wenn man sich die Liedermacherbewegung der 70-er Jahr anschaut, die ja mit eindeutigen Botschaften hausieren gegangen ist, so fand ich das eigentlich immer ziemlich peinlich und trauere dem überhaupt nicht nach. Den Fehler will ich um Gottes Willen nicht wiederholen.

Stefan Göritz: Was ist so schlimm an einer eindeutigen Botschaft?

Adrian Ils: Das sie meistens falsch ist (lacht).

Stefan Göritz: Ja? Adrian Ils: Ja.

Stefan Göritz: Es gibt doch auch richtige Botschaften.

Adrian Ils: Also, wenn es eine eindeutige Botschaft ist, hab ich immer den großen und meistens berechtigten Verdacht, daß Entscheidendes nicht mit einbezogen ist.

Stefan Göritz: Statt eindeutig nennt man die Lieder von BALLHAUS nuevo oft schräg. Mögt ihr das Wort?

Adrian Ils: Ach, ich mag es eigentlich nicht mehr so. Das ist ein inflationär gebrauchtes Wort, das sich abgenutzt hat, das vielleicht auch eine etwas hilflose Bezeichnung ist für etwas, was man eben nicht so eindeutig (da haben wir's wieder) einordnen kann. Es gibt dieses Bedürfnis einzuordnen - das ist bei uns schwierig. Es gibt da keine Schublade. Man wird immer mehrere Sätze finden müssen um zu versuchen zu beschreiben, was BALLHAUS macht.

TITEL: KATZENFISCH
Der Mond guckt furchtbar böse - Die Sonne lacht mich aus
Der Himmel gibt mir Schläge - Die Hölle schmeißt mich raus
Das laß ich mir nicht bieten - Ich geh zurück ins Meer
Im Ozean ist's schöner - Da ist es menschenleer
Ich werde wieder Wal - Oder Hecht, oder Hai, oder Aal
Mich lenkt mein Fischinstinkt - Dem selten was mißlingt.

O ja, ich wünschte, ich wär' ein Katzenfisch
Tief unten in der großen, blauen See
Und ich spielte Schiffe versenken
Mit meiner Katzenfischarmee

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bh_601602   Stefan Göritz: Die meisten Songs von BALLHAUS sind original geschrieben. Es gibt aber auch eine sehr schöne Rilke-Vertonung, die singst du Verena. Wie bist du auf Rilke gekommen, was fasziniert dich an dem?

Verena Guido: Das ist jetzt zuviel der Ehre. Ich sing das Lied zwar, aber die Vertonung ist vom Adrian.

Stefan Göritz: Hast du ihn durch das Lied kennengelernt, oder hattest du schon vorher eine Beziehung?

Verena Guido: Ich hab sehr viel Literatur gelesen in meiner Jugend und auch Rilke gehörte dazu. Ich hab mich immer schon sehr für Lyrik interessiert, fand aber in einer späteren Phase Rilke immer so'n bißchen fein zartbesaitet und spitzfingrig. Diese ganze Malte Lauritz Briggel-Geschichte wär glaub ich ein Buch, das mir heute ziemlich auf die Nerven gehen würde weil es einfach nicht meine Welt ist und was nicht die Reibungen hat zwischen Realität und poetischer Sichtweise, die ich heute an Literatur interessant finde. Aber mit diesem Panther-Text geht es mir immer noch - wenn ich ihn singe - so, daß ich dieses Gefühl, daß da drin steckt, sehr gut nachvollziehen kann, dieses Gefühl von Routine-Eingesperrtsein, träge werden dadurch, unkonzentriert, schläfrig sein, leiden, ohne das richtig ausdrücken zu können. Wie viele Kreaturen, also auch Menschen, die das nicht richtig formulieren können, leiden, ohne das wirklich zu merken, ohne es loswerden zu können, ohne sich darüber äußern zu können. Sich da zum Sprachrohr zu machen, etwas überspitzt formuliert, find ich emotional immer noch hat mit mir zu tun.

Stefan Göritz: Dann frag ich dich jetzt, Adrian, wie sprang dich dieser Panther aus dem Rilke-Text an?

Adrian Ils: Jetzt hast du geradezu eine Ansage wiederholt, die ich in dem Zusammenhang manchmal auf der Bühne mache. Im Gegensatz zu Verena hab ich mich sehr wenig mit Literatur beschäftigt. Rilke ist auch in der Schule an mir vorbeigegangen. Ich hab ihn sehr spät - fast hätte ich gesagt: für mich entdeckt -, ich habe ihn eigentlich gar nicht für mich entdeckt, sondern ich habe vor einigen Jahren einen Rilke-Band in die Hände bekommen, fand ihn überwiegend furchtbar, bis ich über den »Panther« stolperte und den fand ich nun überhaupt nicht furchtbar. Der hat mich wirklich angesprungen, weil das Klaustrophobische, das in diesem Text steckt, die Verzweiflung der eingesperrten Kreatur, die ja auch ein Synonym ist - es geht ja nicht einfach nur um einen Panther - das find ich unübertroffen, das mußte ich vertonen.

TITEL: DER PANTHER
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, daß er nichts mehr hält,
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
In der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf - . Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille -
Und hört im Herzen auf zu sein.
Text: Rainer Maria Rilke/ Musik: Adrian Ils

Stefan Göritz: Wenn man BALLHAUS nuevo auf der Bühne sieht kommt man ganz schnell zu der Erkenntnis: die Leute, die da oben stehen, kennen die Welt nicht nur aus der Blickrichtung Bühne/Zuschauerraum. Was hast du vorher gemacht, bevor du auf die Bühne gegangen bist?

Adrian Ils: Ich bin sehr spät dazu gekommen, regelmäßig auf der Bühne zu stehen. Ich hab als Kind eine klassische Musikausbildung bekommen, hab sogar mal ein Semester auf der Musikhochschule studiert, fand das grauenhaft und bin dann Gott sei Dank zum Zivildienst einberufen worden, bin danach nicht mehr zurück an die Musikhochschule gegangen, sondern wollte die Welt erklären. Dafür studierte man damals Geschichte und Sozialwissenschaften, also hab ich das studiert. Ich hab für mich nebenbei weiter Musik gemacht, aber nicht wirklich ernsthaft. Ich habe ein Lehrerstudium gemacht inklusive Referendardienst. Zwischen dem ersten und dem zweiten Staatsexamen hab ich mir drei Jahre Zeit gelassen und habe u.a. eine Straßenmusiktour durch Griechenland und Italien gemacht, mit 4 weiteren Musikern und einem ital./griech. Programmm. Später bin ich dann als Musiker in eine freie Theatergruppe eingestiegen, parallel zu meinem Referendardienst, und das war im Grunde schon die Urzelle von dem, was später BALLHAUS geworden ist.

Stefan Göritz: Das war BALLHAUS, aber noch nicht BALLHAUS nuevo. Nuevo war's dann seit 1996 und da mutmaßte eine Berliner Zeitung unlängst: die alten Mitglieder wollten einfach nicht mehr mit Adrian Ils zusammen weiter morden. Wie war's wirklich, warum nuevo?

Adrian Ils: Um morden ging's ja sowieso nie. Wir hatten immerhin 7 Jahre zusammengearbeitet, eigentlich noch länger, wenn man das Theater mit einbezieht. Die drei Protagonisten damals waren sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorlieben. Es ist uns immerhin jahrelang gelungen aus der Konfrontation zueinander kreative Funken schlagen zu lassen, das ist aber auch wahnsinnig anstrengend und nach 7 Jahren war's einfach genug, wir konnten nicht mehr, hatten keine Lust mehr. Wobei man anerkennend sagen muß: 7 Jahre sind `ne ziemlich lange Zeit.

TITEL: ALT, ZYNISCH UND WILD
Mir kommt es besser jeden Tag
Die Zunge hängt in meinem Mund
Und das Ego zielt frontal
Immer auf den gleichen Punkt

Mein Kopf schwingt wie ein Punchingball
Nicht immer hab ich's in der Hand
Er könnte etwas weicher sein
Der Durchbruch durch die harte Wand

Alt, zynisch und wild
Das Leben hat mich nicht gestillt
Alt, zynisch und wild
Ich laufe lieber mitten durch's Bild.

Ich habe Hunger, ich habe Durst
Inmitten Mutter Erdes prallgefülltem Garten
Vogel flieg, flieg geradeaus, flieg geradeaus
Und hol dir was du brauchst.

Alt, zynisch und wild
Das Leben hat mich nicht gestillt
Alt, zynisch und wild
Ich laufe lieber mitten ins Bild
Text: Stefan Nauheimer / Musik: Adrian Ils

Stefan Göritz: Das war ein Stück der CD »Die neuen Fernen« von 1994 als sich die Gruppe nur BALLHAUS nannte. Die charismatische Verena Guido war damals noch nicht dabei. Sie gehört zu denen, die dazu kamen, als aus dem alten BALLHAUS das BALLHAUS nuevo wurde.

Verena Guido: Das stimmt. Ich bin damals mit einer Chansonformation aufgetreten, die hieß PUZZLE VIVANT, eine deutsch-französische Vokalgruppe. Wir haben in Köln gespielt in einem kleinen Cafe und da war der Adrian, weil er eine neue Sängerin suchte und kam hinterher auf mich zu und meinte: den Stil, den ich vertrete und die Lieder, die ich singe würden in das neue BALLHAUS-Konzept passen. Ihm gefiel das gut und so haben wir uns kennengelernt.

Stefan Göritz: Was hattest du vorher gemacht, noch vor PUZZLE VIVANT?

Verena Guido: Ich habe ganz normal klassische Musik studiert - Querflöte - und bin immer wieder auch mal als Orchestermusikerin tätig. Nebenher habe ich immer schon Lieder gesungen und bin z.B. jahrelang mit jiddischen Liedern auf politischen Veranstaltungen und Gedenkfeiern aufgetreten. So bin ich überhaupt zum Singen gekommen und habe das immer als ein Hobby betrachtet und nie ernsthaft gedacht: da könnte man beruflich was draus machen. Das hab ich eher aus Überzeugung gemacht. Auf einem Workshop des deutsch-französischen Jugendwerkes lernte ich dann französische Sänger kennen und daraus entstand wiederum PUZZLE VIVANT mit denen ich auch immerhin 4 Jahre unterwegs war. Da hab ich eigentlich das Singen gelernt und das Auftreten - von meinen französischen Kollegen, die alle sehr viel weniger musikalisches Hintergrundwissen hatten, dafür aber richtig trainiert waren in Bühnenpräsenz, im Nachvornegehen und Emotionen äußern, ohne diese typisch deutsche Angst vor Kitsch, vor zu viel Gefühl.

Stefan Göritz: Wieviele Jahre gibst du BALLHAUS noch? Drei habt ihr noch bis zum eben angesprochenen kritischen 7. Jahr für das neue BALLHAUS.

Verena Guido: Man weiß nie. Wenn wir irgendwann an dem Punkt angekommen sind wo wir denken: wir sind jetzt doch künstlerisch so unterschiedlich orientiert oder jeder will seine solistischen Sachen weiter verfolgen, so daß eine Trennung ansteht, dann wird die sicher nicht im Unfrieden passieren.

TITEL: ZWEI FRAGEZEICHEN LIEBTEN SICH
Zwei Fragezeichen liebten sich - Für eine kleine Weil'
Sie hatten beide wenig Zeit - Sie liebten sich in Eil'
Vergaßen die Zeit - Und waren blind bereit
Zu Wonnen ohnegleichen.

Es kam der Abschied, viel zu früh
War's, daß ihre Zeit verrann
Die große Liebe war vorbei
Noch eh sie so recht begann
Vom Liebesglück blieb nichts zurück
Als viele Fragen und Zeichen.
Text und Musik: Adrian Ils

Stefan Göritz: Ein Lied von der neuen BALLHAUS-CD hab ich gestern gleich 3xmal hintereinander gehört und weiß immer noch nicht genau, wo ich es hintun soll. Das heißt »Revolution in Deutschland« - Adrian, du lachst schon

Adrian Ils: Das hab ich gewußt, daß du das ansprichtst

Stefan Göritz: Interessant - dann scheinen noch mehr Leute damit viele Fragezeichen zu verbinden. Erzählt das Lied in einer ganz einfachen Ebene, daß in Deutschland keine Revolution stattfindet, weil der Rebell nicht in die Straßenbahn reingelassen wird oder steckt was ganz anderes dahinter, was ich auch beim 3.Mal nicht mitgekriegt habe?

Adrian Ils: Revolution ist ein Begriff, den man nicht unbedingt mit Deutschland in Verbindung bringt oder entweder nur als etwas sehr tragisches oder etwas sehr lächerliches. Es steckt beides darin: es gibt die gescheiterten Revolutionen in Deutschland mit all ihrer Tragik, es gibt aber auch die Lächerlichkeiten. Der Deutsche ist - glaube ich, das zeigt die Geschichte - nicht unbedingt der geborene Revolutionär, sondern taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auch als lächerliche Figur auf. Dieses Spannungsverhältnis von Tragik und Lächerlichkeit im Zusammenhang von Revolution und Deutschland hab ich auf dieser satirischen Ebene mal thematisieren wollen. Dabei spielte dann auch ein polemisches Zitat von Lenin eine Rolle der sinngemäß mal gesagt hat: bevor Deutsche eine Revolution machen, lösen sie vorher noch eine Bahnsteigkarte. Oder auch Marx, der - nicht nur auf Deutschland bezogen - gesagt hat: die Geschichte wiederholt sich immer zweimal: einmal als Tragödie und dann als blutige Farce.

Stefan Göritz: wie wahrscheinlich alle Figuren in deinen Texten.

Adrian Ils: Wahrscheinlich, ja. Aber eben nur ein Teil.

Stefan Göritz: Und die anderen Teile findest du bei Rilke. Der Panther bist du auch ein Stück.

Adrian Ils: Ja, aber ich bin sicherlich auch vieles, was man in meinen Texten nicht findet (lacht).

Stefan Göritz: Mir kam da eher der Gedanke: vielleicht bist du auch ein Teil des Gitters vor dem Panther.

Adrian Ils: Aha. Das mußt du mir aber jetzt erklären (lacht).

Stefan Göritz: Da schreibst du das nächste Lied drüber.

Adrian Ils: Na gut. Ich werde mal drüber nachdenken. Vielleicht kommt ja was Gutes dabei heraus.

TITEL: REVOLUTION IN DEUTSCHLAND
Dunkel war's, der Mond schien fahl - Da stieg ein Mann aus dem Kanal
Und lenkt den zögerlichen Schritt - Zur letzten Straßenbahn, will mit.
Der Fahrer sagt:«Kommt nicht in Frage - Du bleibst schön weiter unter Tage
Die Zeit für dich ist noch nicht reif - Gehörnter Stinkstiefel mit Schweif!«
Der arme Kerl schaut ganz verwirrt . Er hat sich wohl im Ort geirrt
Und in der Zeit, da wurd' ihm klar - Daß diese Hölle Deutschland war.
Die Straßenbahn fuhr ohne ihn - Durch's mitternächtliche Berlin
Und unser trauriger Rebell - Verschwand im Dunkel, dann wurd' es hell.

Stefan Göritz: Das war in den »Liedersprüchen« eine Begegnung mit der Gruppe BALLHAUS nuevo aus Köln. Ihre neue CD erschien gerade bei kip-records und hat den Titel »Schade, schade«. Das ist nun ein Plattentitel, dem ich nur widersprechen kann.
 
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