gk_3bgr
1-1-0501_2-0501_3-1001_4-0501_5-0501_6-0501_7-050
1-1li3-1a-1003-1a-1001_d1_d3-1e-050gk1_f3-1g-050weinh1-1lizurückvor3_3_1dzurückvor1-1re

das_cdpfeil_luftdas_cd     infotipppfeil2-l2pfeil1-l2pfeil1-r2pfeil2-r2  
sven02 Interview: Die Weltwoche, CH
Weltwoche: Kreisler und Wien: Das gehört irgendwie zusammenKreisler: Überhaupt nicht! Ich bin in Wien geboren, aber ich habe mit Österreich oder mit Wien überhaupt nichts zu tun!
Weltwoche: Trotz der Neuwahlen ist Österreich immer noch in einer merkwürdigen politischen Situation. Machen Sie sich Sorgen, dass Jörg Haider doch noch an die Macht kommt?Kreisler: Ach wissen Sie, Österreich ist immer in einer merkwürdigen Situation. Es gibt eigentlich keine Zeitperiode, in der das nicht der Fall ist. Jetzt sind sie in der Situation, für die EU gestimmt und gleichzeitig den Haider zu haben. Eigentlich muss man über jeden zum Faschismus neigenden Menschen, der politische Macht besitzt, besorgt sein. Aber man ist natürlich weniger besorgt, wenn es in Operettenstaaten wie Österreich ist Wenn der Haider in Deutschland sässe, wäre man besorgt.
Weltwoche: Nun gibt es in Österreich ja nicht nur Politiker, sondern auch Künstler wie etwa Josef Hader oder Ernst JandlKreisler: Ich finde beide bemerkenswert Der Hader steht mir ein bisserl näher als der Jandl - das liegt aber daran, dass ich selber so sprachverspielt bin und deshalb Jandls Gedankengänge schon ein bisschen kenne. Aber der Hader überrascht mich immer wieder
Weltwoche: so wie der Franz Hohler?Krelster: Wissen Sie, ich red' nicht gern über Kollegen. Aber ich möchte das sagen: Die Schweiz hat schon immer ihre bodenständigen Künstler, auch den Hohler, sehr unterstützt. Ende Oktober gab es in Basel eine Vernissage eines Buches mit Gedichten von mir und Bildern von Christoph Gloor. Also da sind Leute gekommen, die wirklich sagen: Der Gloor ist ein Schweizer Künstler, und das Buch kaufen wir. Die tun das aus Patriotismus Aber es ist eine künstlerische Form des Patriotismus! Ich find' das grossartig. In Österreich tut man das Gegenteil! In Österreich unterstützt man die, die sich arrangieren mit den Kulturbeamten,und die anderen lässt man glatt verhungern.
Weltwoche: «Wenn man auf der Bühne sagt.- In der Heimat ist es am schönsten, dann lacht der Deutsche, und der Wiener nickt », heisst es in einem Ihrer Programme. Wo ist eigentlich Ihre Heimat?Kreisler: Ich hab' nichts, was man Heimat nennen könnte. Ich halte das auch nicht für einen grossen Nachteil. Ich hab' natürlich eine Heimat in der deutschen Sprache und natürlich mehr Affinität zu Österreich als zu Rumänien, auch eine gewisse Affinität zu Amerika, weil ich dort sehr viel Zeit verbracht habe. Ich bin auch immer noch amerikanischer Staatsbürger Ich habe eine gewisse Affinität zum Staat lsrael, weil ich als Jude geboren wurde, obwohl ich religionsmässig da nicht sehr viel mit anfange. Dadurch, dass man als Jude verfolgt wurde und wird, muss man gezwungenermassen ein Interesse am Staat Israel entwickeln und vielleicht ein gewisses Heimatgefühl, wobei ich aber lsrael nicht als meine Heimat betrachte, überhaupt nicht.
Weltwoche: Für Sie als Sprachspieler ist doch sicher auch Rap interessant?Kreisler: Ich habe für diese Art von Musik wenig übrig. Ich hab' auch für Jazz wenig übrig. Ich hör' mir das sehr interessiert vielleicht zehn Minuten an, und dann langweilt es mich.
Weltwoche: Warum?Kreisler: Weil ich der Meinung bin, dass man in keiner Kunst improvisieren kann. Ich halte Improvisation für eine Abart der Kunst. Ich weiss, Beethoven hat schon improvisiert in seinen Konzerten, aber für mich ist Kunst etwas, das sehr viel mit Wegwerfen zu tun hat, also mit Nicht-zufrieden-Sein und Immer-wieder-Machen. Für mich ist eigentlich jede Art von Kunst nur interessant, wenn der Künstler auch handwerklich, d.h., nach reiflicher Überlegung, etwas herausbringt.
Weltwoche: Und das kann ein Improvisator nicht?Kreisler: Wie soll er denn? Es kann mal einen Moment geben, wo ihm etwas einfällt, aber es kann ihm ja nicht eine halbe Stunde lang was einfallen.
Weltwoche: Nun sagt der Klarinettist Theo Jörgensmann in seinem Buch « Kleine Ethik der Improvisation», dass man sich auf eine Improvisation sorgfältig vorbereiten kann.Kreisler: Dies scheint mir ein seltsamer Gedanke, aber ich habe mich damit nicht so beschäftigt wie jemand, der das immer macht Das mag jetzt veraltet klingen, aber ich möchte, dass ein Künstler nach Vollendung streben soll, also ein schaffender Künstler, auch ein reproduzierender natürlich. Ich glaube, das ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen kreativen und reproduzierenden Künstlern, dass der kreative nicht auf den Moment angewiesen ist. Ein Schauspieler wird manche Abende besser sein und manche schlechter, weil er ja nur ein Mensch ist, aber ich glaube eben, dass der Kreative die Möglichkeit hat, sich zu überlegen, was er in die Öffentlichkeit trägt, und dass bei einem Improvisator eine Vorbereitung eine fragliche Sache ist.
Weltwoche: Ihrer Auffassung nach kann ein Musiker, der Beethoven spielt, also überhaupt kein kreativer Künstler sein, sondern nur ein rekreativer.Kreisler: Das ist ja nicht unbedingt ein Nachteil, und ausserdem meine ich ja nicht nur Beethoven, sondern auch moderne Komponisten wie Stockhausen. Eine orchestrale Musik kann ja nur von einem Orchester wiedergegeben werden, da hab' ich ja als Publikum nichts vom Komponisten, sondern ich brauche ja das Orchester, den reproduktiven Künstler und seine Auffassung. Anders ist das gar nicht unter die Leute zu bringen.
Weltwoche: Auf Ihrer neuen CD «Taubenvergiften für Fortgeschrittene» (kip 6004, Vertrieb RecRec) kritisieren Sie die ewige Gleichsetzung von Kreisler als TaubenvergifterKreisler: Ich habe etwa 1000 Lieder geschrieben, und mich da auf ein Lied festlegen zu wollen, das ist hanebüchener Unsinn! Taubenvergiften war in den fünfziger Jahren überall ein Problem. Man hat darüber diskutiert, monatelang: Soll man nun Tauben vergiften oder nicht? Wissen Sie, in einer Zeit, wo wir uns Sorgen machen über Atomkraftwerke und über Kriege, ist für mich Taubenvergiften so läppisch geworden, dass ich es einfach nicht mehr ernst nehmen kann.
Weltwoche: Auch über «Gelsenkirchen», wo Sie die schlechte Luft besingen, haben sich die Leute aufgeregt.Kreisler: Man hat ja schon gemerkt, dass die Luft schlecht ist Und Umweltverschmutzung war damals, 1958, kein Thema. Das Wort hat es nicht gegeben, überhaupt das Wort «Umwelt» hat es nicht gegeben
Weltwoche: Ist Umwelt ein wichtiges Thema für Sie?Kreisler: Selbstverständlich! Die Situation hat sich doch kolossal geändert: Es dreht sich ja nicht mehr ums Ruhrgebiet, es dreht sich um die ganze Erde. Man sagt immer: Kabarett bewirkt nichts. Kabarett bewirkt natürlich allein nichts, aber Kabarett kann einen Beitrag leisten, das glaube ich schon. Ein Buch kann einen Beitrag leisten, ein Gespräch, eine Protestbewegung
das_cdpfeil_luftdas_cd pfeil_luft
sven02 Weltwoche: Ist es für Sie problematisch, dass Greenpeace heute fast mehr Macht und Einfluss hat als die Uno?Kreisler: Ich weiss nicht, wieviel Macht Greenpeace hat, ich kann das nicht beurteilen. Ich bin zwar auch Mitglied, aber ich schick' nur gelegentlich ein bisschen Geld. Ich versuche halt anderes zu machen: indem ich schreibe, indem ich Programme selbst noch immer spiele, obwohl ich aus dem Alter eigentlich heraus bin, indem ich Platten mache
Weltwoche: In Deutschland hiess es nach Ihren letzten Auftritten: «Eine Legende kehrt zurück!» Fühlen Sie sich als Altstar?Kreisler: Ich fühl' mich alt, als Star bestimmt nicht! Ich bin 73, und das spürt man natürlich auch. Ich geh' nicht mehr auf Tournee und versuche Einzelabende zu vermeiden. Es fällt mir ein bisschen schwer, aber Serien spielen wir, also Barbara Peters und ich, noch immer. Wir werden im März zehn Tage in Berlin sein; wir werden im April drei Wochen in Basel im «Theater Fauteuil» spielen
Weltwoche: Hat das Alter Sie milder gestimmt?Kreisler: Nein,denn die Welt wird ja immer unverträglicher! Es wird ja immer schwieriger! Wenn ich an die sechziger Jahre denke, da hatte man einen Kalten Krieg und Angst, dass ein heisser Krieg ausbrechen könnte. Es gab zwar den Vietnamkrieg, aber der war doch einigermassen weit weg Und jetzt haben wir die heissen Kriege in Europa! Also, die Zeit ist dringlicher geworden, und wie lange sollen wir noch sagen: Es ist fünf vor zwölf!
Weltwoche: Schauen Sie eigentlich auch Fernsehen?Kreisler: Wenig, die Nachrichten und gelegentlich etwas, was mich interessiert.
Weltwoche: Wenn man Kabarett im Fernsehen sieht, hat man oft das Gefühl, dass dort eher das Wollen als das Können im Vordergrund stehtKreisler: Das liegt daran, dass ein Kabarettist ja von Natur aus aggressiv sein, unsere Gesellschaft, unsere Politik in Frage stellen muss und dass das Fernsehen das nicht gern hat. Die Leute, die dort das Sagen haben, die wollen eigentlich eine Alibi-Kritik haben, aber keine ernsthafte Kritik. Nun, welcher Kabarettist macht Alibi-Kritik? Der schlechte Kabarettist! Folglich haben wir schlechte Kabarettisten im Fernsehen. Gute kommen nicht hinein.
Weltwoche: Ist das ein Verlust an Kulturqualität?Kreisler: Das ganze Fernsehen ist ein Verlust an Kulturqualität! Nicht nur für das Kabarett Was im TV heute geboten wird, ist furchtbar! Ich find's schlimm! Was nicht ausschliesst, dass gelegentlich mal eine gute Sendung zustande kommt. Fernsehen hat eine solche Macht bekommen, mit diesen idiotischen Shows Es ist so, dass es ein kulturelles Leben immer unmöglicher macht. Die Leute werden ja total abgestumpft! Weil das solch eine Gleichschaltung ist, auf niedrigstem Niveau! Und das schlägt sich natürlich auch in der Literatur und in der Musik nieder, dass man sich diesem niedrigen Niveau immer wieder anpassen soll und muss.
Weltwoche: Tun Sie das?Kreisler: Ich nicht, aber andere tun es, und das stört mich. Ich bin ja nicht mehr so drauf angewiesen, arbeiten zu müssen. Aber jemand, der heute arbeiten muss und versucht, ein bisschen Niveau zu haben, der hat es schwer. Weil soviel wirklich schlechte Leute unterwegs sind und bejubelt und gefördert werden
das_cdpfeil_luftdas_cd   pfeil_luft  
    Weltwoche: Ist das in Amerika anders?Kreisler: Ja, es ist professioneller! Amerikaner sind überhaupt in allem, was Showbusiness betrifft, viel professioneller als die Europäer. Wenn jemand dort singt und tanzt, dann kann er singen und tanzen! Das ist hier nicht unbedingt der Fall. Auch die ganzen Showmaster das ist doch gar kein Vergleich zwischen amerikanischen Showmastern, wie die ihr Metier beherrschen, und deutschen
Weltwoche: Bleibt bei dieser Professionalität die Kunst auf der Strecke?
Kreisler: Sehr wenige in Amerika sagen: Ich muss ein künstlerisches Niveau halten, sie gehen mehr auf das handwerkliche. In Amerika versucht man, professionell zu sein, um anzukommen, um Geld zu verdienen, um gut zu sein. Und hier sagen sie: Ich bin ein grosser Künstler, und können ihr Handwerk nicht! Da zieh' ich die Amerikaner vor. Denn ich glaube: Handwerk ist sehr, sehr wichtig, wenn nicht überhaupt massgeblich. Natürlich braucht man zusätzlich zum Handwerk auch noch Talent, aber Talent ohne Handwerk ist das Allerschlimmste.Weltwoche: Sind Sie da um Ihren Schlaf gebracht?Kreisler: Nein, es macht mich nur traurig, wenn ich ins Theater gehe oder ins Kabarett und dort Leute sehe, die gar nicht das Gefühl haben, dass sie etwas bieten müssen. Die halten sich schon von vornherein für so gut. Und das Publikum wird immer undifferenzierter. Die Leute lachen ja schon, wenn jemand irgendeine alte Zote erzählt, und applaudieren so, dass man manchmal am Verzweifeln ist. Aber das ist halt die Zeit, in der wir leben. Ich glaube, es war früher differenzierter, weil diese Massenmedienkultur nicht da war, aber ich glaube auch, dass das Pendel wieder zurückschwingen wird. Das Theater ist im Gegensatz zu dem, was man eine Zeitlang gesagt hat, eben nicht verdrängt worden vom Fernsehen - das Theater wird letztlich siegen.
Weltwoche: Worauf stützen Sie diese Hoffnung?Kreisler: Weil der Mensch ein Bedürfnis nach Kunst hat und ohne Kunst nicht leben kann. Deswegen wird er letztlich auch die Kunst finden und nicht das Fernsehen.
Weltwoche: Wie definieren Sie eigentlich Kabarett?Kreisler: Kabarett ist für mich vor allem wirklich politisch, oder zumindest gesellschaftskritisch. Ich habe mich unlängst aufgeregt, da war der Geburtstag von Hanns Dieter Hüsch, und da traten einige Kabarettisten auf, die alle mehr oder weniger Unterhaltung geboten haben, aber kein Kabarett. Der Hildebrandt, der Hohler. die Lisa Fitz. aber die haben alle so Sketche gespielt, über die man lachen konnte oder auch nicht, dann sassen im Publikum der Lafontaine und der Scharping, die haben auch gelacht, mitgelacht - eigentlich sollten die sich betroffen fühlen. Bei mir hätten sie nicht gelacht! / Weltwoche-Interview: SVEN THIELMANN
 
oben1pfeil_luftoben2   pfeil_luft  

Schlagzeilenkaa_ticker_03
kip_logo
pfeil_luft
pfeil_luft
kip_logo
gk_liniegk_linie
e-Post: <info_AT_kip-media.de>
Hinweis Spam-Schutz: Bitte ersetzen Sie _AT_ durch das übliche Zeichen @.
Adresse OHNE Klammern

gk_linie

© 1998 - 2014 kip-media


Letzte Änderung: 15.03.2014oben1pfeil_luftoben2