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sven02 Ich sehe mich in meiner eigenen Tradition
Obwohl er weit mehr ist als ein Kabarettist, zählt er zu den besten dieses Jahrhunderts. Und ist vielleicht auch deshalb in Österreich kaum präsent. Und während hierzulande das locker-flockige Entertainment alle Verkaufsrekorde sprengt, lebt er in Basel. Jörg-Martin Willnauer hat ihn besucht und folgendes Gespräch mit ihm geführt:
Willnauer: Herr Kreisler, Sie sind 1922 in Wien geboren – Kreisler: Leider! – und mußten 1938 vor den Nazis fliehen. Sie waren 17 Jahre in den USA, sind 1955 nach Wien zurückgekommen, waren vier Jahre in München, wieder in Wien, in den 70er Jahren in Berlin, Ende der 80er bei Salzburg; jetzt leben Sie in Basel. In einem Ihrer Lieder heißt es: Meine Heimat ist im Jemen, ziemlich weit von Ludwigshafen «, in einem anderen «Ich fühl' mich nicht zu Hause«. Beide Lieder gehen natürlich weit über das Geographische hinaus. Wo sehen Sie heute Ihre Heimat?
K: Nirgends. Natürlich nirgends. Das stimmt schon, ich bin ein total Heimatloser. Ich hab' keine Heimat. - Ich kann sagen: ich bin in Österreich geboren und habe Wiener Wurzeln. Ich habe viele Jahre in Amerika zugebracht und fühle mich daher Amerika sehr nahe. Ich fühl mich bis zu einem gewissen Grade auch dem Staat Israel nahe, weil ich eben auch Jude bin, aber ich würde dort nicht wohnen wollen. Ich verfolge halt interessierter an Israel als an Bulgarien, was dort vor sich geht. - Eine echte Heimat ist vielleicht die deutsche Sprache.
W: Und die Musik?
K: Musik ist keine Heimat für mich, nein. Ich bin ja von der Musik immer mehr abgekommen. Ich bin zwar das, was man im Österreichischen «gelernter Musiker« nennt, aber ich habe mich mehr mit Literatur als mit Musik beschäftigt, und man kann, glaube ich, nur eines von beiden. Was ich an Musik mache, da zehre ich von meiner Vergangenheit.
W: Was spüren Sie heute, wenn Sie an Wien denken?K: Eigentlich nur Schlechtes. Ich glaube, Wien ist - kulturell gesprochen - in einer besonders schlechten Phase. Ich glaube, Burgtheater, Josefstadt und Volkstheater sind unter sehr fraglichen Intendanzen, und was dort am Spielplan stattfindet, ist nicht wahnsinnig gut.
Die Keller-Theater-Szene ist, soweit ich weiß, mehr oder weniger verschwunden. Es hat eine Kellertheaterszene gegeben, wo man die aufmüpfigen Stücke gespielt hat, die eben in den großen Theatern aus irgendwelchen Gründen nicht gespielt werden konnten. Das ist längst vorbei. Das Kellertheater hat sich arrangiert und kriegt Subvention. Kennzeichnend für Wien ist ja, daß eben alles subventioniert wird!
Man soll dem Künstler nicht dreinreden, wenn man ihn subventioniert, und das tun die natürlich. Und sie bestimmen ja auch die Intendanten, und die Intendanten wiederum die Regisseure, die ihnen am meisten nach dem Mund reden, damit da keine Konkurrenz entsteht. Das Ganze ist eine solche Insiderund Freunderlwirtschaft . . . Wenn man hinkommt und sieht, was da vorgeht, dann kotzt einen das eigentlich an. Wissen Sie, im Jahr '55 gab es eine gewisse Aufbruchsstimmung. Nach dem Staatsvertrag hat man das Gefühl gehabt, jetzt kann man etwas machen. Das hat sich einige Jahre gehalten, aber es ist nach und nach verschwunden. Man hat mehr und mehr diejenigen gefördert, die der Regierung nach dem Mund gesprochen haben.
W: Das hat sich auch zu Kreiskys Zeit nicht geändert?
K: Aber überhaupt nicht! Kreisky wollte aus Wien ein internationales Zentrum zu machen, - an der Neutralität ist ihm sehr viel gelegen und, daß Österreich die UNO-City baut. Entsprechend sollte es eine repräsentative Staatsoper geben, ein repräsentatives Burgtheater usw. Es sollte auf keinen Fall irgendwelche Gruppen geben, die Anlaß zu Ärger geben konnten. Kreisky war alles andere als ein Kulturförderer. Karl Kraus sagt: Die Kunst kommt von der Absage. Die Kunst zum Trost gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit.« Das heißt: Kunst kann immer nur negativ sein.
W: Sie haben 17 Jahre Ihres Lebens in den USA verbracht und sind meines Wissens auch amerikanischer Staatsbürger. Welchen Einfluß hatte das auf Ihre persönliche und künstlerische Entwicklung?
K: Einen sehr großen. Ich war 16 Jahre alt, als ich hinübergekommen bin, und war 32, 33, wie ich weg bin.Das sind sehr wichtige Jahre. Das Showbusiness in Amerika ist ein sehr hartes Geschäft, das hab ich mitgemacht und gelernt, und ich glaube, ich habe sehr viel davon profitiert.
Ich habe angefangen als Probepianist für Shows, als Begleitpianist bei Gesangslehrern. Dann bin ich ein bissl zum Film gekommen, habe dort musikalische Handlangerdienste geleistet, dann ist der Krieg gekommen, ich war drei Jahre lang amerikanischer Soldat, bin noch einmal auf ein Jahr nach Hollywood zurück, dann kam dieser Chaplinfilm, Monsieur Verdoux. Ich habe die Musik von Chaplin aufgeschrieben, habe sie zu Hanns Eisler gebracht, der hat sie instrumentiert. Es gibt auch einige Szenen drin, wo Chaplin Klavier spielt, das war ich.
Sie haben gefragt, was für eine Methode ich beim Schreiben habe
W: Ja, ob Sie überhaupt eine haben oder ob das rein assoziativ vorgeht.
K: Assoziativ. Ich gehe meistens von der Musik aus, aber nicht immer. Es ist sehr selten, daß ich mit dem Text beginne.
W: Mir fällt auf, daß bei Ihren Liedern Text und Musik auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.
K: Meistens sind Musik und Text gleichzeitig da, also zumindest die Hauptzeile. Wenn das einmal feststeht, mach' ich aber doch die Musik zuerst und füll' darin die Musik mit dem Text aus. Es ist aber keine feste Regel. Es ist auch schon anders gewesen. Lieder fürs Kabarett schreibe ich schon deshalb weniger, weil ich nicht mehr so viel Kabarett mache und weil es einen ungeheuren Fundus von Liedern gibt, die ich kaum oder selten verwendet habe und die man auch umschreiben kann.
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sven02 W: Das Chanson hat eine lange Tradition. In welcher Tradition sehen Sie sich als Chansonschreiber?
K: In gar keiner. Ich sehe mich in meiner eigenen Tradition. Natürlich hat man Vorbilder: Morgenstern, Ringelnatz, auch Friedrich Hollaender. Das sind Vorbilder, denen man in der Jugend nacheifert. Dann entwickelt man seinen eigenen Stil, und wenn man so alt ist wie ich, hat man schon Tradition.
W: Was empfehlen Sie einem Menschen, der heute noch Lieder schreibt?
K: Ich würde ihm vor allem raten, das, was er schreibt, wegzuwerfen. Und es dann noch einmal zu schreiben. Und noch einmal und noch einmal. Ich krieg' ja immer wieder Texte oder Lieder zugeschickt, Mir fällt vor allem auf, daß Leute etwas aufschreiben und glauben, es ist großartig, ohne wirklich daran zu arbeiten. Ich glaube, das ist eines der Geheimnisse beim Schreiben, daß man bestenfalls zehn, zwanzig Prozent von dem behält, was man aufschreibt.
W: Also doch eine Arbeitsmethode!? Die des ständigen Feilens und Ausarbeitens?
K: Der Selbstkritik. Also nicht sagen: das ist doch großartig, was ich geschrieben hab, und Schluß, sondern ein paar Tage liegen lassen und dann noch einmal jedes Wort, jeden Satz prüfen. Man ist heute zu schnell von sich selbst begeistert. Das gilt auch für Schauspieler. Die junge Generation ist vor allem durch Kritiklosigkeit an sich selbst ausgezeichnet. Das hat viel damit zu tun, daß man es ihnen auch erleichtert. Es wird mehr Theater gespielt, das Fernsehen nimmt natürlich einen großen Platz ein, und man sieht oft ganz unerfahrene Schauspieler in großen Rollen im Fernsehen, und sie glauben, damit ist schon bewiesen, daß sie gute Schauspieler sind. Das ist aber nicht der Fall. Viele glauben, wenn sie gelobt werden, große Rollen kriegen und sehr gefragt sind, ist damit schon alles erledigt. Ich glaube, den einzigen Rat, den man geben kann, ist: immer weiter an sich zu arbeiten.
W: Sie verfolgen seit 40 Jahren die deutschsprachige Kabarettlandschaft. Was hat sich in dieser Zeit in puncto Stil und Thematik geändert?
K: In den 50er und 60erjahren war das Kabarett ein SPÖ oder SPD-Kabarett. Erst in den späten 60er Jahren haben sich aufmüpfige, nicht systemkonforme Kabaretts gebildet: Floh de Cologne und die Machtwächter in Köln, die Schmiere in Frankfurt und eine Menge anderer Kabaretts. Ende der 70er Jahre hat das wieder aufgehört, und in den 80er Jahren haben wir mehr und mehr ein Unterhaltungskabarett bekommen, und das haben wir heute noch. Es gibt ganz wenige Kabarettisten, die sich nicht systemkonform verhalten. Die meisten sagen: das Publikum will lachen, die Leute wollen unterhalten werden, aber ich glaube, das Pendel wird wieder ausschlagen.
W: Also Sie bedauern diesen Trend?
K: Natürlich. Unterhaltend muß Kabarett selbstverständlich sein, aber das heißt nicht, daß es seichte Unterhaltung bieten muß. Ich habe unlängst eine Sendung zum 70. Geburtstag von H. D. Hüsch gesehen: hochkarätige Kabarettisten um ihn herum: Hildebrandt, Franz Hohler und Lisa Fitz. Die haben also wirklich eine Art Farkas- und Schwiegermuttersketche gebracht, das war sehr enttäuschend.
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    W: Ist die Situation für einen Kabarettisten nicht auch sehr schwer?
K: Natürlich ist es schwer. Aber schwer war's ja immer. Wer gutes Kabarett gemacht hat, für den war's immer schwer. Natürlich retten sich viele in das Unterhaltungskabarett, aber das Kabarett ist eben nicht dazu da, um sich zu verkleiden und irgendwelche Klamotten abzuziehn, sondern um die Leute zum Nachdenken anzuregen. Was aber nicht bedeutet, daß die Unterhaltung zu kurz kommen muß. Das ist eben die Kunst des Kabarettisten, diese beiden Elemente Unterhaltung und politische Gesellschaftskritik zusammenzubringen. - Leitartikeln sollen sie natürlich nicht.
W: Glauben Sie, daß man tagespolitisches Kabarett überhaupt noch machen kann? Und wenn ja, in welcher Form?
K: Das glaube ich schon. Also ich kann mir vorstellen, daß man in einer Stadt wie Graz z.B. tagespolitisches Kabarett machen kann, indem man die dortigen politischen Verantwortlichen auf unterhaltsame Weise zur Rechenschaft zieht. Nicht so, daß sie sich ja nicht ärgern, wenn sie hineinkommen. Sie sollen sich ärgern!
W: Aber sie gehen ja nicht mehr hinein!
K: Das ist nur ein gutes Zeichen. In einem Programm mit H. D. Hüsch waren der Scharping und der Lafontaine und noch so ein paar Leute dort, und die haben das alles sehr lustig gefunden.
W: Also wenn mächtige Leute im Publikum sitzen, dann ist das ein Alarmsignal?
K: Nicht unbedingt, aber wenn die dann schulterklopfend zum Kabarettisten hinter die Bühne kommen, dann ist das vielleicht ein Alarmsignal.
W: Das klingt ja sehr pessimistisch.
K: Nein, das ist gar nicht pessimistisch. Man leistet doch seinen Beitrag dazu. Also man sagt Negatives, um das Positive zu bewirken. Man macht Leute mit Humor auf Dinge aufmerksam, die ihnen vorher nicht bewußt waren. Das ist schon eine Funktion des Kabaretts. Wie überhaupt jede Kunst. Kunst muß negativ sein, muß zum Nachdenken anregen und muß es in sich haben, das Publikum oder Einzelne im Publikum irgendwie zu verändern. Das tut übrigens auch jede Kunst. Wenn irgendein Schlagersänger einen blöden Schlager singt, dann verändern sich die Leute ja auch, aber zum Schlechten.
W: Wie sehen Sie eigentlich Ihre eigene Rolle? Sie haben 40 Jahre Kabarettgeschichte geschrieben und einige Kapitel exemplarisch abgehandelt; wie sehen Sie sich selbst in einem Umfeld, das ja nur ein Teil Ihrer Arbeit ist?
K: Ja eben, das ist die Schwierigkeit, es ist nur ein Teil. Wenn auch ein wichtiger Teil. Es ist sehr schwer. über sich selbst zu reden, ich kann das nicht. Ich setz' mich halt hin und schreib', was mir gerade in den Sinn kommt, und das schmeiß' ich dann weg, oder ich schreib's wieder um, bis irgendwas draus entsteht. Aber ich kann nicht beurteilen, wo ich da stehe, das kann ich nicht.
W: Vielen Dank für das Gespräch.
 
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