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Stand: 14.03.2004
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Programme von Georg Kreisler / Barbara Peters... | weiter | zurück

KrLesungDie alten, bösen Lieder
Nein, die alten Lieder rosten nicht
Georg Kreisler gastiert mit Klavier und Barbara Peters im Stuttgarter Mercedes-Forum
Das Haus ist brandneu, doch die Lieder sind die wohlbekannten alten, bösen. Den Ausdruck brandneu nehmen wir eilends zurück (was sollte da brennen bei all dem Glas, Metall, Beton?), auch Haus trifft die Sache nur schlecht: Stuttgarts neues Mercedes-Forum in Feuerbach ist ein spiegelnder Riesen-Hangar, gläsern und inwendig vorerst öde und leer, ein Stück kantig verschweifter Lamellenarchitektur. Was geht dort vor? Auto-Präsentationen, was sonst, aber parterre gibt's ab sofort - von wechselnden Veranstaltern beschickt - auch eine neue Spielstatt für das Entertainment. So blickt Stuttgart nicht ohne Freude auf diesen weiteren Veranstaltungsort für «Kulturelles«, und das Publikum blickt nähertretend in einen schwarz ausgekleideten, von Scheinwerfern zerstrahlten Multifunktionsschuppen, eine Super-Blackbox mit dem Charme einer Aussegnungshalle. Aber die Akustik ist vorzüglich. Und der erste Profiteur dieser Verhältnisse ist Georg Kreisler, der Wiener Meister des Makabren, dessen Auftritt das Renitenztheater organisiert hat, unterstützt vom SDR, welcher das Gastspiel aufzeichnen läßt. Ein «historisches« Ereignis, möglicherweise.
Denn der immeralte, immerjunge Georg Kreisler - dessen Liederabende, man staune, noch nie in toto vom Fernsehen protokolliert worden sind - ist eine Offenbarung, eine herrlich-perfide, heute wie eh und je. Ein Typ von sieghafter Miesmuffelei und lachender Misanthropie, glänzend bei Stimme, vorzüglich disponiert. Und seine schmähfrohen Chansons («Wie schön wä - re Wien ohne Wiener! «), all diese mürrisch rabenschwarzen Sachen, sind dem Publikum eine einzige hochergötzliche Lust. Sechshundert Leute im Saal kichern, jauchzen, klatschen gerührt: eine Sternstunde allhier im Mercedes-Forum!
Zwar, das Haar ist dem Künstler grauer geworden und der Humor scheinbar auch. Aber wer sagt, daß grauer Humor gütiger sei als pechschwarzer? Georg Kreisler, der Mann der fröhlich gemeckerten Makabritäten, der beschwingten Idiotie, der Verruchtheiten im Dreivierteltakt, klimpert und trällert uns lauter Chanson-Immortellen ins Ohr («Zwei alte Tanten tanzen Tango«), karpfenmäulig in triumphierendem Trübsinn, ein jovialer grantiger Schuhu.
Nein, alte Lieder rosten nicht. Der schlimm-skurrile Groteskpoet, der seine Karriere vor vier Dezennien so reimsüchtig abstrus und wunderbar blödsinnsgesegnet begann, ist mit seinen vierundsiebzig Lenzen eine legendäre Größe des deutschsprachigen Kabaretts. Heute gewinnt sein professoraler Habit dank der Lederjoppe, der schwarzen, ein wenig vom Air eines Senior-Luden, eines freilich virtuos geadelten. Weiß Gott, dies eulenäugige Genie hat seine Possen nicht verlernt, auch wenn der Blick hinter der dunkelgeränderten Brille in verstärkter melancholischer Trüb-Seligkeit glüht.
Er mag ein Galgenhumorist sein, aber ein Glücksrabe ist er auch, denn die Bosheit ist sein Hauptpläsier. Wenn er uns mit Grabesstimme, schier dem Einschlafen nah, die existentielle Tragödie des Triangelspielers ausmalt - plink! - wie elektrisierend setzt er uns über dies Drama in Kenntnis! Und wenn er, endlich mal wieder, uns grimmig schnarrend den Musick-Krrritttiker vormacht, so heulend stockunmusikalisch, so miesepetrig angewidert in den Tasten stieksend - dann wi rd sofort der ganze Ennui, das ganze Geckentum des beckmessernden Brotberuflers ersichtlich. Die gschaftlhuberische Tücke zwischen Rachsucht und Gelangweiltheit, sie steckt diesem «Krrritttiker« gewissermaßen im kleinen Finger.
Und will man glauben, daß seinerzeit, vor annähernd vierzig Jahren, das Lied vom «Taubenvergiften im Park« als niederträchtiger Anschlag aufs bürgerliche Sonntagsidyll öffentlich geächtet war, gemieden zunächst von jeder Rundfunkanstalt? Heute gibt's derlei Pikiertheit nicht mehr, aber die Makabristen, die Schmähchansonniers, die Liedermacher vom schwarzhumorigen Schlag des Georg Kreisler gibt's leider gleichfalls nicht mehr: irgendwie ist sie stumpfer, platter, spottunbegabter geworden, die Zeit.
«Auch auf der Reeperbahn s-deht dann und wann ein Weihnachtsmann«, singt Kreislers Lebens- und Bühnenpartnerin Barbara Peters mit freuden- und leidenmädchenhafter Anmut, es ist eine Schnulze in schönstem Missingsch. So treiben Kreisler und seine rotgeschopfte Gefährtin das Publikum auf Akazien, von denen sich selbst die hartgesottensten Groteskianer vergeblich träumen ließen. Die beiden zum letztenmal auf der Bühne? Man mag's nicht glauben - und schluchzt gerührt, als hörten wir zum letztenmal das Lied vom alten Förster, der zum letztenmal die Füße wäscht. «Der alte Bettler fährt zum letztenmal nach Nizza, der alte Kanzler macht den letzten groben Schnitzer« - nur das Alpenglühn, nicht wahr, und Georg Kreisler samt Frau Peters, die mögen bitte bleiben immerdar. / Stuttgarter Zeitung, Ruprecht Skasa-Weiß


Georg Kreisler und Barbara Peters brillierten beim Kammermusikpodium
Messer zum Schnitzen und Schlitzen
Die Sonne scheint, die Vögel singen, auf den grünen Wiesen breiten sich traulich die Pärchen zum Picknick. Überall Freude und Frieden. So viel Freude und so viel Frieden, daß man es kaum aushalten kann. Unternehmungslustig tönt es im fröhlichen Walzertakt: «Gemma Tauben vergiften im Park.«
Georg Kreisler ist am Werk. Mit seinen «alten bösen Liedern« zieht er nun auch beim Kammermusikpodium in Braunschweig und Wolfenbüttel zu Felde gegen Wohlanständigkeit, den Traum vom Glück und die Grenzen des guten Geschmacks. Und das aber mit Geist und Witz, wie er den jungdeutschen Tabubrechern im Flirt mit der Banalität meist abgeht.
Wie der inzwischen 76jährige am Klavier hockt, listig über die rechte Schulter äugt und dem Publikum zwischen Sonntagsausflug und Opern-Soiree eine gehörige Portion Strychnin serviert, das macht Freude. Und wenn man auch die böse Wendung immer schon erwartet, so kommt sie in all seinem harmlosen Geplauder, den so locker wie geistesgegenwärtig dahinparlierten Chansontexten dann doch irgendwie wieder überraschend. «Wien is a scheene Stadt«, weil's soviel Messer hat, «Messer zum Schnitzen und Schlitzen«. Im falschen Pathos der Schunkellieder schwillt die Stimme im Vibrato: «Wie schön wäre Wien ohne Wiener«.
Bemerkenswert ist Kreislers Mimik, die zur bösen Pointe wissend nach oben gezogenen Augenbrauen , das breite Grinsen, wenn ihm der Zuhörer in die Falle gegangen ist, ihm das Lachen zu spät im Halse stecken blieb über Kreislers quick untergejubelte Wendung ins Makabre. Mißmutig mimt er den Triangel-Spieler da hängen die Wangen voll angestauter Langeweile: Ein Leben im Schatten der großen Trommel, und das Instrument kann man nicht mal stimmen.
Ganz nebenbei begleitet sich Kreisler auch noch selbst auf dem Klavier, so schön harmlose Volksliedrhythmen meist, wie beiläufig verziert mit Zitaten aus Oper und Konzert. Ein bißchen «Freude schöner Götterfunken« für den unmusikalischen Musikkritiker, ein Stückchen «Tristan« Vorspiel oder «Zauberflöte« für seine «logische« Oper, die leider keiner spielt. Besetzung: Mutter, Alt; Großmutter, sehr Alt. «Sogar die Perücke verliert schon das Haar.«
Doch nicht alles ist bloß absurd wie der «Blunschli« in der Schachtel oder sarkastisch wie der «Zirkus in Flammen«, die Karikatur menschlicher Sensationslust. In den «nicht-arischen Arien« beschreibt Kreisler einen Juden, der sich nirgends und auch im Heiligen Land nicht heimisch fühlt, erst wieder in Wien, wo man ihn verdächtigt und tritt.
Zwischen den eigenen Chansons begleitet Kreisler noch die Sängerin Barbara Peters, die von der braven Durchschnittsfrau Schmidt mit ihren volkstümlich «gesunden« Ansichten bis zur verhinderten Schauspielerin mit aufgeblasenem Busen wandlungsfähig und präzise Couplets zwischen Kabarett und Cabaret singt.
Der donnernde Applaus im Kleinen Saal der Stadthalle galt mit Kreisler einer Legende des satirischen Lieds. Und die Legende war großzügig mit Zugaben. // Braunschweiger Zeitung, Andreas Berger


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