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Programme
von Georg
Kreisler / Barbara Peters...
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Die
alten, bösen Lieder
Nein,
die alten Lieder rosten nicht
Georg
Kreisler gastiert mit Klavier und Barbara Peters im
Stuttgarter Mercedes-Forum
Das Haus ist brandneu, doch die Lieder sind die
wohlbekannten alten, bösen. Den Ausdruck brandneu
nehmen wir eilends zurück (was sollte da brennen bei
all dem Glas, Metall, Beton?), auch Haus trifft die Sache
nur schlecht: Stuttgarts neues Mercedes-Forum in Feuerbach
ist ein spiegelnder Riesen-Hangar, gläsern und inwendig
vorerst öde und leer, ein Stück kantig
verschweifter Lamellenarchitektur. Was geht dort vor?
Auto-Präsentationen, was sonst, aber parterre gibt's ab
sofort - von wechselnden Veranstaltern beschickt - auch eine
neue Spielstatt für das Entertainment. So blickt
Stuttgart nicht ohne Freude auf diesen weiteren
Veranstaltungsort für «Kulturelles«, und das
Publikum blickt nähertretend in einen schwarz
ausgekleideten, von Scheinwerfern zerstrahlten
Multifunktionsschuppen, eine Super-Blackbox mit dem Charme
einer Aussegnungshalle. Aber die Akustik ist
vorzüglich. Und der erste Profiteur dieser
Verhältnisse ist Georg Kreisler, der Wiener Meister des
Makabren, dessen Auftritt das Renitenztheater organisiert
hat, unterstützt vom SDR, welcher das Gastspiel
aufzeichnen läßt. Ein «historisches«
Ereignis, möglicherweise.
Denn der immeralte, immerjunge Georg Kreisler - dessen
Liederabende, man staune, noch nie in toto vom Fernsehen
protokolliert worden sind - ist eine Offenbarung, eine
herrlich-perfide, heute wie eh und je. Ein Typ von
sieghafter Miesmuffelei und lachender Misanthropie,
glänzend bei Stimme, vorzüglich disponiert. Und
seine schmähfrohen Chansons («Wie schön
wä - re Wien ohne Wiener! «), all diese
mürrisch rabenschwarzen Sachen, sind dem Publikum eine
einzige hochergötzliche Lust. Sechshundert Leute im
Saal kichern, jauchzen, klatschen gerührt: eine
Sternstunde allhier im Mercedes-Forum!
Zwar, das Haar ist dem Künstler grauer geworden und der
Humor scheinbar auch. Aber wer sagt, daß grauer Humor
gütiger sei als pechschwarzer? Georg Kreisler, der Mann
der fröhlich gemeckerten Makabritäten, der
beschwingten Idiotie, der Verruchtheiten im Dreivierteltakt,
klimpert und trällert uns lauter Chanson-Immortellen
ins Ohr («Zwei alte Tanten tanzen Tango«),
karpfenmäulig in triumphierendem Trübsinn, ein
jovialer grantiger Schuhu.
Nein, alte Lieder rosten nicht. Der schlimm-skurrile
Groteskpoet, der seine Karriere vor vier Dezennien so
reimsüchtig abstrus und wunderbar
blödsinnsgesegnet begann, ist mit seinen vierundsiebzig
Lenzen eine legendäre Größe des
deutschsprachigen Kabaretts. Heute gewinnt sein
professoraler Habit dank der Lederjoppe, der schwarzen, ein
wenig vom Air eines Senior-Luden, eines freilich virtuos
geadelten. Weiß Gott, dies eulenäugige Genie hat
seine Possen nicht verlernt, auch wenn der Blick hinter der
dunkelgeränderten Brille in verstärkter
melancholischer Trüb-Seligkeit glüht.
Er mag ein Galgenhumorist sein, aber ein Glücksrabe ist
er auch, denn die Bosheit ist sein Hauptpläsier. Wenn
er uns mit Grabesstimme, schier dem Einschlafen nah, die
existentielle Tragödie des Triangelspielers ausmalt -
plink! - wie elektrisierend setzt er uns über dies
Drama in Kenntnis! Und wenn er, endlich mal wieder, uns
grimmig schnarrend den Musick-Krrritttiker vormacht, so
heulend stockunmusikalisch, so miesepetrig angewidert in den
Tasten stieksend - dann wi rd sofort der ganze Ennui, das
ganze Geckentum des beckmessernden Brotberuflers
ersichtlich. Die gschaftlhuberische Tücke zwischen
Rachsucht und Gelangweiltheit, sie steckt diesem
«Krrritttiker« gewissermaßen im kleinen
Finger.
Und will man glauben, daß seinerzeit, vor
annähernd vierzig Jahren, das Lied vom
«Taubenvergiften im Park« als
niederträchtiger Anschlag aufs bürgerliche
Sonntagsidyll öffentlich geächtet war, gemieden
zunächst von jeder Rundfunkanstalt? Heute gibt's derlei
Pikiertheit nicht mehr, aber die Makabristen, die
Schmähchansonniers, die Liedermacher vom
schwarzhumorigen Schlag des Georg Kreisler gibt's leider
gleichfalls nicht mehr: irgendwie ist sie stumpfer, platter,
spottunbegabter geworden, die Zeit.
«Auch auf der Reeperbahn s-deht dann und wann ein
Weihnachtsmann«, singt Kreislers Lebens- und
Bühnenpartnerin Barbara Peters mit freuden- und
leidenmädchenhafter Anmut, es ist eine Schnulze in
schönstem Missingsch. So treiben Kreisler und seine
rotgeschopfte Gefährtin das Publikum auf Akazien, von
denen sich selbst die hartgesottensten Groteskianer
vergeblich träumen ließen. Die beiden zum
letztenmal auf der Bühne? Man mag's nicht glauben - und
schluchzt gerührt, als hörten wir zum letztenmal
das Lied vom alten Förster, der zum letztenmal die
Füße wäscht. «Der alte Bettler
fährt zum letztenmal nach Nizza, der alte Kanzler macht
den letzten groben Schnitzer« - nur das
Alpenglühn, nicht wahr, und Georg Kreisler samt Frau
Peters, die mögen bitte bleiben immerdar. /
Stuttgarter Zeitung, Ruprecht Skasa-Weiß
Georg
Kreisler und Barbara Peters brillierten beim
Kammermusikpodium
Messer
zum Schnitzen und Schlitzen
Die
Sonne scheint, die Vögel singen, auf den grünen
Wiesen breiten sich traulich die Pärchen zum Picknick.
Überall Freude und Frieden. So viel Freude und so viel
Frieden, daß man es kaum aushalten kann.
Unternehmungslustig tönt es im fröhlichen
Walzertakt: «Gemma Tauben vergiften im Park.«
Georg Kreisler ist am Werk. Mit seinen «alten
bösen Liedern« zieht er nun auch beim
Kammermusikpodium in Braunschweig und Wolfenbüttel zu
Felde gegen Wohlanständigkeit, den Traum vom Glück
und die Grenzen des guten Geschmacks. Und das aber mit Geist
und Witz, wie er den jungdeutschen Tabubrechern im Flirt mit
der Banalität meist abgeht.
Wie der inzwischen 76jährige am Klavier hockt, listig
über die rechte Schulter äugt und dem Publikum
zwischen Sonntagsausflug und Opern-Soiree eine gehörige
Portion Strychnin serviert, das macht Freude. Und wenn man
auch die böse Wendung immer schon erwartet, so kommt
sie in all seinem harmlosen Geplauder, den so locker wie
geistesgegenwärtig dahinparlierten Chansontexten dann
doch irgendwie wieder überraschend. «Wien is a
scheene Stadt«, weil's soviel Messer hat, «Messer
zum Schnitzen und Schlitzen«. Im falschen Pathos der
Schunkellieder schwillt die Stimme im Vibrato: «Wie
schön wäre Wien ohne Wiener«.
Bemerkenswert ist Kreislers Mimik, die zur bösen Pointe
wissend nach oben gezogenen Augenbrauen , das breite
Grinsen, wenn ihm der Zuhörer in die Falle gegangen
ist, ihm das Lachen zu spät im Halse stecken blieb
über Kreislers quick untergejubelte Wendung ins
Makabre. Mißmutig mimt er den Triangel-Spieler da
hängen die Wangen voll angestauter Langeweile: Ein
Leben im Schatten der großen Trommel, und das
Instrument kann man nicht mal stimmen.
Ganz nebenbei begleitet sich Kreisler auch noch selbst auf
dem Klavier, so schön harmlose Volksliedrhythmen meist,
wie beiläufig verziert mit Zitaten aus Oper und
Konzert. Ein bißchen «Freude schöner
Götterfunken« für den unmusikalischen
Musikkritiker, ein Stückchen «Tristan«
Vorspiel oder «Zauberflöte« für seine
«logische« Oper, die leider keiner spielt.
Besetzung: Mutter, Alt; Großmutter, sehr Alt.
«Sogar die Perücke verliert schon das
Haar.«
Doch nicht alles ist bloß absurd wie der
«Blunschli« in der Schachtel oder sarkastisch wie
der «Zirkus in Flammen«, die Karikatur
menschlicher Sensationslust. In den «nicht-arischen
Arien« beschreibt Kreisler einen Juden, der sich
nirgends und auch im Heiligen Land nicht heimisch
fühlt, erst wieder in Wien, wo man ihn verdächtigt
und tritt.
Zwischen den eigenen Chansons begleitet Kreisler noch die
Sängerin Barbara Peters, die von der braven
Durchschnittsfrau Schmidt mit ihren volkstümlich
«gesunden« Ansichten bis zur verhinderten
Schauspielerin mit aufgeblasenem Busen wandlungsfähig
und präzise Couplets zwischen Kabarett und Cabaret
singt.
Der donnernde Applaus im Kleinen Saal der Stadthalle galt
mit Kreisler einer Legende des satirischen Lieds. Und die
Legende war großzügig mit Zugaben. //
Braunschweiger Zeitung, Andreas Berger
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